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Christian Krachts neuer Roman : Auf Sushimessers Schneide

  • -Aktualisiert am

Die Ästhetik des Grauens bleibt eine Herausforderung. Christian Kracht spielt mit ihr. Bild: Archiv

Früher begann der Tag mit einem Harakiri: Christian Kracht erprobt in seinem Roman „Die Toten“, wie sich Bildgewalt aufs Erzählen übertragen lässt.

          In Christian Krachts dandyhaften Reiseberichten aus Asien, die im Jahr 2000 in dem Band „Der gelbe Bleistift“ erschienen, findet sich ein Text mit dem Titel „Lob des Schattens“. Er spielt auf Junichiro Tanizakis gleichnamigen Essay von 1933 an, der bis heute als maßgeblicher Text der japanischen Ästhetik in Auseinandersetzung mit jener des Westens gilt. Der Witz des damaligen Kracht-Texts war, dass sein Verfasser Tanizakis Essay noch gar nicht kannte und über Japan sagte: „Das Land hat mich noch nie interessiert.“

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Inzwischen hat Kracht offenbar seine Meinung geändert und seine Hausaufgaben gemacht. Seinem neuen Roman ist ein Motto von Tanizaki vorangestellt. Er handelt zum Teil in Japan und ist tief geprägt von japanischer Kultur, ja, er setzt sogar stellenweise japanische Begriffe voraus, die der Nichtkundige nachschlagen muss. Der Roman beginnt mit der minutiösen Schilderung eines Seppuku, eines ritualisierten Suizids mit einem Dolch.

          Auch dieses Buch handelt vom Zusammenprall westlicher und japanischer Kultur – nämlich ebenfalls um das Jahr 1933. Kracht, der sich schon lange im Genre der Historien-Farce mit Schwerpunkt Kolonialismus wohlfühlt, hat wieder einiges zusammengerührt. Diesmal geht es um eine Kolonisierung durch Bilder. In seiner Geschichte über das Kino als kulturelle Deutungsmacht in weltgeschichtlich brisanter Zeit treten Figuren wie der UFA-Chef Alfred Hugenberg, die Schauspieler Charlie Chaplin und Heinz Rühmann sowie die Kritiker Siegfried Kracauer und Lotte Eisner in Nebenrollen auf, während die beiden Hauptfiguren erfundene oder zumindest stark verfremdete sind: ein Schweizer Filmregisseur namens Emil Nägeli und ein japanischer Kulturbeamter namens Masahiko Amakasu. Dieser hat einen Plan ausgeheckt. Er möchte eine „zelluloidene Achse“ zwischen Berlin und Tokio herstellen, um mit deutscher Filmkunst dem amerikanischen Kulturimperialismus Einhalt zu gebieten, der sich besonders in Gestalt des von ihm verachteten Tonfilms „virengleich über das Kaiserreich der Showa-Herrschaft ausgebreitet“ habe. Der Beamte wünscht sich, dass ein Arnold Fanck oder Fritz Lang mit Zeiss-Objektiven und Agfa-Film nach Japan käme, um dem dortigen Kino die „hölderlinsche Zone“ zu erschließen und es zu einer Waffe im Kulturkampf zu machen. Doch es kommen nicht die Wunschkandidaten, sondern Nägeli, über dessen fiktiven Film „Die Windmühle“ es immerhin heißt, er habe „innerhalb der Ereignislosigkeit das Heilige“ aufgezeigt.

          Christian Kracht trägt die Krawatte auch gern mal locker, wie die Literaturkritik neuerdings informiert.

          Der erste Teil des Romans widmet sich den Lebensläufen Nägelis und Amakasus, erklärt gewissermaßen ihre Persönlichkeiten aus Einblicken in beider schlimme Kindheiten, die selbst filmischen, teils albtraumhaften Charakter haben. Im Mittelteil nehmen die Geschehnisse Fahrt auf. Es kommt zur Begegnung der beiden, zwischen denen Nägelis Verlobte steht, eine junge deutsche Schauspielerin namens Ida mit großen Ambitionen. Der Schlussteil lässt dann Charlie Chaplin überraschend zum Mörder werden und schickt Ida nach Hollywood auf den Boulevard der zerbrochenen Träume.

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