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Rezension : Wenn's mir nur gruselte: In "Mitte" will's nicht richtig spuken

Bild: Rowohlt Berlin Verlag

Drogennebel, Todessehnsucht, Persönlichkeitsspaltung - Norman Ohler bedient sich aus dem Fundus des Schauerromans.

          Berlin Mitte, das ist für viele die Gegend rund um die Oranienburger Straße, eine inspirierende Gegend, eine Ecke voller Gegensätze. Neben Techno-Clubs und Galerien finden sich hier zum Beispiel noch Spuren der ehemals größten jüdischen Gemeinde Deutschlands. Der Hackesche Markt und Franz Biberkopfs Scheunenviertel sind nicht weit. Die Gegend ist wie geschaffen für einen Roman-Schauplatz.

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Das ist auch Norman Ohler, Autor des Online-Romans „Die Quotenmaschine“, nicht entgangen. Er lässt den Helden seines neuen Romans Ende der 90er Jahre in Mitte einziehen. Auf Anhieb findet Klinger in der Großen Präsidentenstraße Unterkunft - eine geheimnisvolle, sanierungsbedürftige Wohnung, die lange Zeit niemand haben wollte, von der er sich aber magisch angezogen fühlt.

          In Mitte spukt's

          Die Wohnung erinnert an Kafkas Schloss: Sie verändert sich, so oft man sie neu betrachtet oder betritt. Da gibt es immer noch eine verborgene Tür oder eine Nische, die man vorher nicht gesehen hat. Hellhörig ist sie auch - die Musik aus einem Club im Keller dringt herauf, und außerdem hört Klinger eine Stimme.

          Es ist die Stimme Igors, seines Vormieters, eines introvertierten, fanatischen DJs, der mit neuartigen Klängen und gefährlichen Drogen experimentierte und sich im Ketamin-Rausch selbst verbrannte. Dieser Untote ergreift nun im Verlauf der Handlung Besitz von Klinger. Klinger-Jeckyll wird zeitweilig zu Igor-Hyde, der mit Stadtguerilla-Maßnahmen versucht, die Sanierung des Hauses zu verhindern und das alte Viertel Mitte zu verteidigen.

          Norman Ohler lässt es in seinem zweiten Roman ganz schön spuken. Man ist geneigt, despektierlich über das Buch zu sprechen, wenn die geschilderten übersinnlichen Erscheinungen ohne bleibenden Eindruck am Leser vorüberziehen und der Persönlichkeitsverlust der Hauptfigur ihn weitgehend kalt lässt, weil man das Gefühl hat: Sie ist selber schuld. Die Verführungen, die sich Klinger aufdrängen und ihn gefährden, sind nämlich keinesfalls unwiderstehlich.

          Neo-Mystik mit Überlänge

          Von „Spuk“ zu sprechen ist auch deshalb angemessen, weil Ohler in seinem Roman - bewusst oder unbewusst - Motive des Schauerromans aufgreift. Auch in der Techno-Szene der 90er Jahre gibt es Todessehnsüchte, Wunderdrogen, Persönlichkeitsspaltungen und dergleichen mehr. Am Schluss wird sogar eine halb vermoderte Leiche ausgebuddelt. Nicht selten grenzen Ohlers Motive an Fin-de-siècle-Kitsch.

          Spätestens nach der Hälfte verliert der Roman rapide an Fahrt - zu früh sind Klingers Drogen-Horror-Trips kaum mehr steigerungsfähig. Und Igors neo-mystische Beschwörungen („Du musst erst sterben, um auf frische Gedanken zu kommen“) beginnen zu langweilen, weil sie sich gebetsmühlenartig wiederholen, ohne einzuleuchten.

          Identifikationsprobleme

          Am stärksten ist der Roman, wenn sich die Orientierungslosigkeit seiner Hauptfigur dem Leser ohne Schnickschnack vermittelt. Der Leser könnte sich durchaus mit einem Klinger identifizieren, der sich mit Kindheitstraumata herumschlägt und verunsichert ist, weil ihm niemand gesagt hat, warum er seinen Job in den neuen Medien verloren hat. Aber ihm folgen zu sollen, wenn er aus kaum erfindlichen Gründen immer wieder Igors Horrordroge verfällt, ist ein bisschen viel verlangt.

          Stark sind auch diejenigen Szenen, in denen sich Klinger unterschwellig als (nicht-schwarzer) Romantiker erweist. Zwar fühlt er sich von dem Spukhaus in Mitte magisch angezogen, in Wahrheit sehnt er sich aber nach ländlichen Idyllen im Norden Englands oder am Rande Berlins. In diesen Szenen bekommt der Roman eine anrührende Bitternis.

          Norman Ohlers „Mitte“ ist ein Buch, das versucht, den Leser mit Hilfe zeitgemäßer Schauer-Motive und einer expressiven, häufig esoterischen Sprache an einer Bewusstseinserweiterung teilhaben zu lassen. Über weite Strecken wirkt der Roman jedoch eher wie eine Geisterbahn mit schnarrenden Mechanismen.

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