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Rezension : Von Schlagerfreunden und Schwerverbrechern

Bild: Residenz Verlag

Neuer Roman: In „Fast ein bisschen Frühling“ erzählt Alex Capus mehr als die wahre Flucht- und Liebesgeschichte zweier Schwerverbrecher.

          Was das Glück ist? Jeden Tag eine Tango-Platte zu kaufen und abends mit der Verkäuferin spazieren zu gehen. Von diesem Glück, einem kleinen Glück im Winter 1933/34, erzählt der Schweizer Schriftsteller Alex Capus in seinem Roman „Fast ein bisschen Frühling“.

          Das Glück ist nicht etwa da, wo der Pfeffer wächst. Dorthin, nach Indien, hatten Kurt Sandweg und Waldemar Velte flüchten wollen, zwei Bankräuber, die nach einer wahren Begebenheit im November 1933 in Stuttgart eine Bank überfallen hatten, um mit der Beute ein neues Lebens zu beginnen. Auf ihrer Flucht kommen sie bis Basel. Dort lernen sie die schöne Schallplattenverkäuferin Dorly kennen. Man verabredet sich für den Abend.

          Zufall versus Vorsehung

          An diesem ersten Abend bringt Fräulein Dorly noch eine Kollegin mit, Marie Stifter, ebenfalls Verkäuferin im größten Kaufhaus am Platze, zudem der besten Partie in ihrem Heimatdorf fest versprochen - und nebenbei spätere Großmutter des Erzählers der Geschichte. Mit Hilfe dieser Figur entwickelt Capus eine zweifache Liebesgeschichte: Waldemar und seiner Dorly stellt er Marie und ihren Ernst gegenüber, der romantischen Zufallsbekanntschaft die unglückliche Bestimmtheit.

          Wirklich wahr: Die Räuber und die Verkäuferin haben sich am Rhein fotografieren lassen

          So war es nämlich damals mit den Großeltern des Erzählers: Sie waren für einander bestimmt. Die Eltern hatten in dem Dörfchen unweit der Stadt die größten Höfe, betrieben Dorfschule, Postamt und Gasthaus des Örtchens. Da gab es kein Entrinnen. Auch wenn die beiden beim gemeinsamen Tanz ungelenk und unglücklich wirkten und sich auf den sonntäglichen Spaziergängen wenig zu sagen hatten, statt dessen immer wieder mit den Hüften und den Ellenbogen ungeschickt aneinander stießen.

          Liebe und Verrat

          Zwei Abende lang, während der winterlichen Spaziergänge mit Dorly und den beiden Räubern, lernt Marie kennen, wie es ist, wenn ein Mann ihr charmant und gewandt den Hof macht. Dann erkältet sie sich und muss sich im Bett auskurieren. Ernst macht sie erst heftige Vorwürfe und später einen Heiratsantrag. Die Situation ist ausweglos.

          Dorly hingegen trifft sich weiter mit den beiden. Als denen das Geld ausgeht - ihre Stuttgarter Beute war geringer als erhofft, zu den Lebenshaltungskosten in Basel kommen noch die Ausgaben für die tägliche Schallplatte -, überfallen sie auch in Basel eine Bank. Wieder gibt es Tote. Die Polizei kommt den beiden auf die Spur, auf der mehrtägigen Verfolgungsjagd sterben weitere Menschen. Als Dorly erfährt, dass ihre beiden Bekannten die gesuchten Verbrecher sind, bietet sie der Polizei ihre Hilfe an.

          Ausbruch und Gefängnis

          Von zarten Banden erzählt Alex Capus in seinem feinen Buch. Sie zerreißen, als Dorly begreift, mit wem sie ausgegangen ist. Ein zartes Buch hat Alex Capus geschrieben. Seine Erzählung hat die Spontaneität flüchtig wirkender Bleistift-Skizzen, dann wieder die Akribie dienstlicher Protokolle. Doch der Eindruck, der Autor habe womöglich die fast 70 Jahre alten Polizeidokumente platziert, um zwischen ihnen das feine Netz seiner Liebesgeschichte zu spinnen, trügt. Auch erfundene Passagen klingen wie Zeitungsmeldungen der 30er Jahre, wie Akteneintragungen aus den Amtsstuben dieser Zeit.

          Capus geht es um zwei Blicke auf zwei Menschen: Gewaltbereit und gefährlich, skrupellos und unberechenbar erscheinen seine beiden Helden als Verbrecher, romantisch und charmant, rührend einfältig und unentschlossen wirken sie in ihrer Bekanntschaft zur schönen Dorly und in einigen ihrer Fluchtbemühungen. Zugleich geht es Capus um einen Blick auf zwei Seiten der Liebe: Er erzählt von der Zerbrechlichkeit einer Amour fou und der Unausweichlichkeit und Enge einer Amour destinée. Die eine währt nur wenige Wochen, die andere ein Leben lang. Die eine ist ein Ausflug, ein Ausbruch, die andere ein Gefängnis.

          Capus' Meisterschaft liegt in der Reduktion, in der Sparsamkeit seiner Skizzen, aus denen er sich immer wieder in die sprachliche Sicherheit von Zeugenaussagen und Polizeiakten zurückzieht. Mit seinem feinen Strich gelingt ihm ein liebevolles Porträt seiner einfältigen, unglücklichen, unentschlossenen Helden.

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