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Terézia Mora: „Der einzige Mann auf dem Kontinent“ : Allein gegen den Wahnsinn der Welt

Bild: Luchterhand

Turbulenzen einer Woche im September: Terézia Moras neuer Roman ist ein bestechend hellsichtiger Kommentar zu den Auswüchsen einer auf Luft gebauten Geschäftswelt. Der Autor erzählt klug wie gewinnend - und mit gleißender Poesie.

          4 Min.

          An einem Dienstagmorgen träumt Darius von einem Flug mit unbekanntem Ziel. Die Landung ist hart, der Flughafen klein, zu welcher Stadt er gehört, erschließt sich für Darius nicht. Warum ist er hier? Warum besteht sein ganzes Gepäck aus dem silberfarbenen Köfferchen mit dem Laptop? Offenbar wurde er zu einem Meeting einbestellt, denn plötzlich sitzt er mit anderen um einen ovalen Tisch. Einer vom Vorstand redet unverständliches Zeug, neben Darius sitzen Kollegen, die längst nicht mehr bei der Firma sind; andere, die Führungspositionen einnehmen, fehlen. Darius wundert sich sehr. Dann steht er auf und geht hinaus, immer noch ohne die geringste Ahnung, was er da eigentlich sollte.

          Tilman Spreckelsen
          Redakteur im Feuilleton.

          Immerhin, später im Traum gelingt es ihm, sich etwas besser zu orientieren. Im Wachen ist ihm das nicht vergönnt, so sehr sich der knapp Dreiundvierzigjährige auch bemüht. Er ist Mitarbeiter einer amerikanischen Firma für kabellose Netze, zuständig für den deutschsprachigen Bereich sowie Osteuropa, und so umfassend die Aufgabe ist, so allein wird er damit gelassen. Sein Büro ist mit Elektroartikeln zugemüllt, seine Kollegen sitzen in London, Kalifornien oder in Ostasien, und weil in diesem Kommunikationsunternehmen die Kommunikation zunehmend problematisch wird – Darius erreicht seine Vorgesetzten so gut wie nie am Telefon, seine E-Mails bleiben ohne Antwort –, muss er sich selbst knifflige Fragen beantworten oder Verantwortung für Dinge übernehmen, die ihm zuwider sind: Warum hat er nach zwei Jahren immer noch keinen ordentlichen Arbeitsvertrag? Warum muss er seine Sozialabgaben selbst entrichten? Warum will niemand die von seiner Firma entwickelten Netzwerksysteme kaufen? Und was tun mit den 40 000 Euro, die ihm ein säumiger armenischer Kunde in bar vorbeibringen lässt, statt die eigentlich viel höhere Rechnungssumme zu überweisen?

          Gespräche mit Abwesenden

          Terézia Mora schildert in „Der einzige Mann auf dem Kontinent“, nach dem Erzählungsband „Seltsame Materie“ von 1999 und dem meisterlichen Roman „Alle Tage“ von 2004 ihr drittes Buch, eine Woche im September des vergangenen Jahres, und dies fast ausschließlich aus der Perspektive von Darius Kopp: Am Anfang steht ein Wochenende auf dem Land, es folgen berufliche Turbulenzen und ein Besuch bei der kranken Mutter, dann ein Zusammenbruch und eine neuerliche Fahrt aufs Land, diesmal mit ungewissem Ausgang. Darius selbst belässt es nicht beim Wahrnehmen, Reden und Reagieren auf das, was an ihn anbrandet, sondern – und das macht den Reiz dieses Buches aus – bezieht die vermutete Reaktion seiner Umwelt mit ein. Immer wieder führt er lange imaginäre Gespräche mit Abwesenden, deren Meinung ihm wichtig ist, allen voran seine Frau Flora und sein Freund Juri.

          Weil er diese Gewohnheit, mögliche Einwände oder Kommentare seiner Nächsten zu antizipieren, auch in tatsächlichen Gesprächen beibehält, ist nicht nur für den Leser manchmal unklar, was davon tatsächlich ausgesprochen wird und was nur in Darius Kopf hallt. Auch Darius, in guten Momenten ein gewinnender Gesprächspartner, verliert gegen Ende des Buches die Kontrolle über diese haarscharfe Grenze zwischen Denken und Sagen. Nachdem er einmal seinem gedachten Ärger lautstark Luft macht, muss er glauben, dass sich von diesem Moment an ein ganzer Regionalexpress gegen ihn zusammenrotten wird. Und deshalb wird aus diesem Buch, das man zunächst als erhellenden Kommentar zu Auswüchsen einer auf Luft gebauten Geschäftswelt lesen kann, noch viel mehr: Es geht um Kommunikation, um Erkennen und Verfehlen des anderen, um offene und geschlossene Netzwerke zwischen Menschen, die es oft genug nur zu gut meinen und dann doch im Zorn auseinandergehen. Lässt man sich darauf ein, ist es allzu leicht, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Da wird eine stehengebliebene Bahnhofsuhr zum Fanal, und der Anruf aus dem Krankenhaus mit den beruhigenden Worten einer Schwester über den Zustand der Mutter sind für Darius nichts als Türöffner für weitreichende Spekulationen: Was, wenn der tröstende Anruf gar nicht aus Deutschland, sondern aus einem fernöstlichen Callcenter stammt?

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