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T.C. Boyle: Hart auf hart : Wutbürger im Wilden Westen

  • -Aktualisiert am

Irgendeinen Überbau aus der amerikanischen Geschichte gibt es bei T.C. Boyle meistens. In diesem Fall hält sich die Hauptfigur im Wahn für den Trapper John Colter, der mit Lewis und Clark auf Expedition war und hier Geysire bestaunt. Bild: www.bridgemanart.com

T.C. Boyle zeigt die durchgedrehte Seite des amerikanischen Traums: In seinem neuen Roman „Hart auf hart“ lässt er eine Frau und einen Mann gegen die ganze Gesellschaft antreten. Was treibt sie dabei an?

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          Dass T.C. Boyles Romane eine Tendenz zur Freakshow haben, liegt seit seinem märchenhaften Debüt „Wassermusik“ (1982) auf der Hand. Fritz J. Raddatz bemerkte dazu, dass bei diesem Autor „auch schon mal ein Krokodil Harfe spielt“. Seitdem hat man sich mit Boyle viele weitere Überdrehungen erlesen, bis hin zum puren Slapstick des Kopfsprungs von Dr.Harvey Kellogg. Der Reformbewegungs-Guru aus „Willkommen in Wellville“ (1993) kommt im Wasser leider nicht mehr lebend an, weil ausgerechnet er, der Gründer eines Sanatoriums und Prediger absoluter Enthaltsamkeit von jeglichen Genussmitteln, aus heiterem Himmel einen Herzinfarkt erleidet. Um Plakativität ist Boyle nie verlegen; während man etwa mit seinem Kollegen Philip Roth noch hadert, ob er einen Psychoanalytiker wirklich Dr. Spielvogel nennen sollte, hat Boyle seine Figuren schon Dr. Spitzvogel oder sein deutscher Verlag gleich einen ganzen Roman „Dr.Sex“ (2005) getauft.

          Jan Wiele
          Redakteur im Feuilleton.

          Um Freaks, und was für welche, geht es auch in seinem neuen Buch wieder. Den Humor allerdings, wie er zum Beispiel die Wellville-Geschichte oder auch die Hippiekommunen-Satire „Drop City“ (2003) prägt, hat er diesmal ganz weggelassen: Das neue Werk ist, dieses Wortspiel lässt sich kaum vermeiden, ein regelrechter Hard-Boyled-Krimi, und so heißt er auch: „Hart auf hart“.

          Wenn Boyle einen Ton setzt, dann auch richtig; bei ihm weiß man vom ersten Satz an, was man bekommt: „Die Sonne stand senkrecht, sie war einfach da“, heißt es, und wenig später klebt jemandem das Hemd am Rücken, „als wäre es mit der Haut verleimt“. Wir sind im Dschungel von Costa Rica, wo amerikanische Ruheständler auf Kreuzfahrt einen Tagesausflug machen. Doch in der schlammig-heißen Atmosphäre dräut Unheil. Die Touristen werden von einheimischen Gangstern überfallen, und dabei schnappt die erste Figur über: Sten, ein Vietnamveteran, handelt plötzlich nach alten Routinen, nimmt einen der Täter in den Würgegriff, und ehe er sich besinnt, hängt der Junge schlaff wie ein Mehlsack in seinen Armen.

          Eine halsbrecherische Fahrt auf dem Lost Highway

          Das Kapitel „Puerto Limón“ ist eine gute Short Story für sich – und doch bereitet Boyle damit nur geschickt ein Spiegeltableau für den eigentlichen Roman. Der nämlich handelt von Stens Sohn Adam, und dieser dreht nicht im Dschungel durch, sondern in den Wäldern Nordkaliforniens. Adam ist fünfundzwanzig, kahlrasiert und besteht nur aus Muskeln. Weil er wortkarger ist als Clint Eastwood, stellt sich erst mit der Zeit heraus, dass er psychisch noch um einiges beschädigter ist als sein Vater.

          Was also ist los mit diesem Jungen? Hier kommt die sogenannte amerikanische Gegenkultur ins Spiel, in der man Boyles prägendes Werkthema erkennen könnte. Nur geht es diesmal nicht um positive Entwürfe von Müslimenschen oder Cornflakes-Erfindern, sondern um pure Verweigerung. Adam ist, wie die vierzigjährige Sara, die ihn als Anhalter in ihrem Auto mit- und wenig später zu sich ins Bett nimmt, ein radikaler Systemgegner. Die Ideologie dazu schildert uns Boyle fast nur aus dem Mund von Sara, aber da Adam an ihrer Seite bleibt, scheint er sie zu teilen. Man kann diese Ideologie recht kurz zusammenfassen: Der Staat ist böse, und alle irgendwie für ihn Beschäftigten sind nur Handlanger und Lakaien. Dazu kommen Verschwörungstheorien über „die Zeitung mit ihren Falschmeldungen und krassen Lügen“. Weil sie so denkt, will Sara einem Polizisten nicht mal ihren Führerschein zeigen: „Ich habe mit Ihnen keinen Vertrag“, sagt sie, und mit dieser Verweigerung beginnt eine Kette von Repressalien und weiteren Gesetzesübertretungen, die Sara und Adam zeitweilig in einem Kampf gegen den Rest der Welt verwickelt erscheinen lassen. Von Liebe zwischen den beiden kann man kaum sprechen, eher von Leidensgemeinschaft. Bald wird jedoch deutlich, dass bei Adam die Probleme noch ganz anders liegen: nämlich in Verletzungen der Kindheit, die Boyle am Ende etwas schablonenhaft aus dem Hut zaubert.

          Eine tiefe Reflexion seiner Figuren darf man von diesem Roman nicht erwarten. Man muss den Plot einfach hinnehmen, und hat ohnehin kaum Zeit zur Besinnung, denn er treibt voran wie eine halsbrecherische Fahrt auf dem Lost Highway, und der Autor weiß nur zu gut, wie man so etwas bewerkstelligt. Beim leichtesten Anflug von Stagnation garniert er seine Story mit schmutzigem Sex.

          Wenn Haie zwischen den Bäumen schwimmen

          Der einzige Überbau aus der amerikanischen Geschichte, wie Boyle ihn ja gern in seine Bücher einzieht, ist hier die Historie eines wilden Draufgängers aus der Pionierzeit, nämlich des Trappers John Colter (1774 bis 1813). Was mit kurzen nacherzählten Episoden aus dessen Leben beginnt, weitet sich schließlich zu einer völligen Engführung mit der Geschichte der Hauptfigur aus: Adam hat den findigen Naturburschen nicht nur zum Vorbild, sondern er hält sich tatsächlich für diesen: In immer wahnhafteren Schüben sieht sich der Junge, der im Wald einen Bunker gebaut und eine Opiumplantage angelegt hat, verfolgt von feindlichen Blackfoot-Indianern, die er auch schon mal mit seinem Sturmgewehr einfach umnietet. Diese Engführung wirkt stellenweise geradezu hanebüchen.

          Warum liest man das dann aber doch so gern und begierig? Wenn jemand im Wald „halb damit rechnete, Haie zwischen den Bäumen herumschwimmen zu sehen“, wenn ein Mann einfach nur „Hundefresse“ genannt wird, dann entsteht einfach eine große Lust am Genre, selbst wenn man ahnt, was kommt. Der offensichtlich auch durch Filmbilder von „Rambo“ bis „Into the Wild“ geprägte Stoff gewinnt so eine ironische Note.

          Darüber hinaus verzahnt Boyle den Irrsinn von Sara und Adam mit einer anderen amerikanischen Paranoia, nämlich der Angst vor Überfremdung bei dessen Vater Sten. Die Pointe ist, dass ein Mord, den Adam im Wald begeht, vom Vater den Mexikanern zugerechnet wird, die er dort in letzter Zeit beobachtet hat und verdächtigt, Tiere wie Menschen zu töten, um ihre Hanfplantagen zu schützen. Dass in Wirklichkeit sein Sohn die Schuld trägt und dessen Gewalttätigkeit womöglich in einer „History of Violence“ vom Vater abgeleitet ist, der ja auch schon Menschen getötet hat, rückt die Erzählung in Richtung einer Tragödie. Hier gibt es zwar kein harfespielendes Krokodil, aber immerhin einen Hund mit Rastalocken, der sogar eine ziemlich wichtige Rolle spielt.

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