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T.C. Boyle: Hart auf hart : Wutbürger im Wilden Westen

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Was also ist los mit diesem Jungen? Hier kommt die sogenannte amerikanische Gegenkultur ins Spiel, in der man Boyles prägendes Werkthema erkennen könnte. Nur geht es diesmal nicht um positive Entwürfe von Müslimenschen oder Cornflakes-Erfindern, sondern um pure Verweigerung. Adam ist, wie die vierzigjährige Sara, die ihn als Anhalter in ihrem Auto mit- und wenig später zu sich ins Bett nimmt, ein radikaler Systemgegner. Die Ideologie dazu schildert uns Boyle fast nur aus dem Mund von Sara, aber da Adam an ihrer Seite bleibt, scheint er sie zu teilen. Man kann diese Ideologie recht kurz zusammenfassen: Der Staat ist böse, und alle irgendwie für ihn Beschäftigten sind nur Handlanger und Lakaien. Dazu kommen Verschwörungstheorien über „die Zeitung mit ihren Falschmeldungen und krassen Lügen“. Weil sie so denkt, will Sara einem Polizisten nicht mal ihren Führerschein zeigen: „Ich habe mit Ihnen keinen Vertrag“, sagt sie, und mit dieser Verweigerung beginnt eine Kette von Repressalien und weiteren Gesetzesübertretungen, die Sara und Adam zeitweilig in einem Kampf gegen den Rest der Welt verwickelt erscheinen lassen. Von Liebe zwischen den beiden kann man kaum sprechen, eher von Leidensgemeinschaft. Bald wird jedoch deutlich, dass bei Adam die Probleme noch ganz anders liegen: nämlich in Verletzungen der Kindheit, die Boyle am Ende etwas schablonenhaft aus dem Hut zaubert.

Eine tiefe Reflexion seiner Figuren darf man von diesem Roman nicht erwarten. Man muss den Plot einfach hinnehmen, und hat ohnehin kaum Zeit zur Besinnung, denn er treibt voran wie eine halsbrecherische Fahrt auf dem Lost Highway, und der Autor weiß nur zu gut, wie man so etwas bewerkstelligt. Beim leichtesten Anflug von Stagnation garniert er seine Story mit schmutzigem Sex.

Wenn Haie zwischen den Bäumen schwimmen

Der einzige Überbau aus der amerikanischen Geschichte, wie Boyle ihn ja gern in seine Bücher einzieht, ist hier die Historie eines wilden Draufgängers aus der Pionierzeit, nämlich des Trappers John Colter (1774 bis 1813). Was mit kurzen nacherzählten Episoden aus dessen Leben beginnt, weitet sich schließlich zu einer völligen Engführung mit der Geschichte der Hauptfigur aus: Adam hat den findigen Naturburschen nicht nur zum Vorbild, sondern er hält sich tatsächlich für diesen: In immer wahnhafteren Schüben sieht sich der Junge, der im Wald einen Bunker gebaut und eine Opiumplantage angelegt hat, verfolgt von feindlichen Blackfoot-Indianern, die er auch schon mal mit seinem Sturmgewehr einfach umnietet. Diese Engführung wirkt stellenweise geradezu hanebüchen.

Warum liest man das dann aber doch so gern und begierig? Wenn jemand im Wald „halb damit rechnete, Haie zwischen den Bäumen herumschwimmen zu sehen“, wenn ein Mann einfach nur „Hundefresse“ genannt wird, dann entsteht einfach eine große Lust am Genre, selbst wenn man ahnt, was kommt. Der offensichtlich auch durch Filmbilder von „Rambo“ bis „Into the Wild“ geprägte Stoff gewinnt so eine ironische Note.

Darüber hinaus verzahnt Boyle den Irrsinn von Sara und Adam mit einer anderen amerikanischen Paranoia, nämlich der Angst vor Überfremdung bei dessen Vater Sten. Die Pointe ist, dass ein Mord, den Adam im Wald begeht, vom Vater den Mexikanern zugerechnet wird, die er dort in letzter Zeit beobachtet hat und verdächtigt, Tiere wie Menschen zu töten, um ihre Hanfplantagen zu schützen. Dass in Wirklichkeit sein Sohn die Schuld trägt und dessen Gewalttätigkeit womöglich in einer „History of Violence“ vom Vater abgeleitet ist, der ja auch schon Menschen getötet hat, rückt die Erzählung in Richtung einer Tragödie. Hier gibt es zwar kein harfespielendes Krokodil, aber immerhin einen Hund mit Rastalocken, der sogar eine ziemlich wichtige Rolle spielt.

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