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Rezension: „Rot ist mein Name“ : Vom Himmel durch die Welt zur Hölle

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Orhan Pamuk führt in seinem 1998 im Original erschienenen großen Roman den Leser vom Himmel durch die Welt zur Hölle und durch ein buntes historisches Panorama, das sich vom ärmlichen Teehaus bis zum Palast des Padischah erstreckt.

          Diesem Roman stehen drei Motti voran. Das erste: "Wenn ihr jemand erschlagen habt und über den Täter streitet . . ." Ein gutes Motto für einen Kriminalroman. Das zweite: "Nicht gleichen sich der Blinde und der Sehende." Ein treffliches Motto für einen Künstlerroman. Das dritte: "Allah ist Herr über Ost und West . . ." Ein theologischer Roman also auch - zumal alle drei Motti dem Koran entstammen. Mithin ein hochaktueller politischer Roman.

          "Ein Roman ist ein Leben als Buch. Jedes Leben hat ein Motto", so hat Novalis gesagt. Und: "Das Motto ist das musikalische Thema." Der Leser dieses Romans, vor dessen Beginn gleich drei Themen angeschlagen werden, hat sich auf eine gewaltige Lebenspartitur mit vielen Stimmen einzustellen. Dies ist wörtlich zu nehmen, denn das Werk hat nicht weniger als einundzwanzig Erzähler: Mörder und Opfer, Tote und Lebende, Maler und gemalte Figuren, Liebende, Tod und Teufel. Sie treten auf wie die Figuren im mittelalterlichen Mysterienspiel, tragen ihren Teil der Geschichte vor, bis ein anderer das Wort ergreift, und warten dann stumm darauf, an späterer Stelle die Erzählung fortsetzen zu können: 59 Auftritte, ein Meisterwerk des polyperspektivischen Erzählens. Und auf die Perspektive kommt in diesem Roman alles an, denn sie ist sein Thema.

          Die erste ist diejenige eines Toten, der seit vier Tagen auf dem Grund eines Brunnens liegt, in den ihn sein Mörder geworfen hat. Nun wartet er darauf, daß man ihn dort entdeckt, damit er beigesetzt werden und so seine Ruhe finden kann. Aber natürlich wartet er auch darauf, daß man seinen Mörder ausfindig macht. So beginnt der Roman als Kriminalgeschichte. "Mein Schädel, eingeschlagen von einem Stein, wurde beim Sturz in den Brunnen gänzlich zertrümmert, meine Stirn, meine Wangen wurden zerdrückt und waren hin, meine Knochen brachen, mein Mund füllte sich mit Blut." Derjenige, der hier spricht, wurde nicht aus Habgier oder Eifersucht ermordet. Er war ein Künstler, ein Buchmaler, berühmt als Ornamentierer und Vergolder, und dafür, daß er nun dort unten liegt, ist vor allem die Tatsache verantwortlich, daß er sich von seinem bisherigen künstlerischen Weg hat abbringen lassen, was ihm heftige Gewissensqualen bereitete. Der Kriminalroman ist also von der ersten Seite an auch ein Künstlerroman.

          Der fatale künstlerische Fehltritt bestand in einem Perspektivwechsel. Er hatte sich dazu überreden lassen, die Welt nicht mehr aus der Perspektive Gottes, sondern aus derjenigen des Menschen darzustellen, und das heißt: "sich gleichsam vor Allah zu erhöhen, sich selbst eine Bedeutung zu geben, sich in den Mittelpunkt der Welt zu stellen". Fragen der künstlerischen Perspektive sind also eminent theologische Fragen, und dies weit über die kalten Wintertage im Istanbul des Jahres 1591, in denen Orhan Pamuks Roman "Rot ist mein Name" spielt, hinaus. So ist dieser Kriminal- und Künstlerroman, ebenfalls von der ersten Seite an, zugleich ein theologischer Roman.

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