https://www.faz.net/-gr3-156vi

Rezension: Polnische Gedichte des 20. Jahrhunderts : Jahrhundert des Gedichts

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Karl Dedecius versammelt Polens beste moderne Lyriker: Ein ganzes Jahrhundert der Poesie wird hier durchschritten, vom Fin de Siècle bis in die jüngste Vergangenheit.

          „Herr, schenk mir die kraft und die geschicklichkeit jener, die / lange vielästige sätze bauen, geräumig wie eichen, / wie ein riesiges tal, auf dass darin welten platz hätten, schatten / der welten, welten aus traum.“ So steht es in „Brevier“, einem der letzten Gedichte, die Zbigniew Herbert vor seinem Tod im Jahr 1998 geschrieben hat. Es scheint, als wollte sich dieser wohl bekannteste polnische Lyriker des letzten Jahrhunderts am Ende seines Lebens zudem aus seiner angestammten Literaturgattung verabschieden.

          Königsgattung der polnischen Literatur

          Sind aber diese Verse nicht auch eine Todesanzeige der Gedichtkunst selbst? Zwar kennt die polnische Literaturgeschichte des zwanzigsten Jahrhunderts nicht nur große Lyriker – mit Witold Gombrowicz, St. I. Witkiewicz und Stanisaw Lem wären sogar einige ihrer prominentesten Protagonisten zu nennen, die gar keine Gedichte geschrieben haben. Und doch hatte die Verskunst hier einen Stellenwert wie in kaum einer anderen großen europäischen Nationalliteratur. Gleich zwei polnische Lyriker – Wisawa Szymborska und Czesaw Miosz – erhielten im vergangenen Jahrhundert den Nobelpreis; die Lyrik galt lange Zeit als Königsgattung der polnischen Literatur. Nicht erst seit der Jahrtausendwende haben aber Prosa-Autoren das Zepter fest in der Hand. Man kann in diesem Zusammenhang auf den 1970 in Oppeln geborenen Lyriker Tomasz Róycki verweisen – doch gilt der als Ausnahmetalent. Die beste polnische Lyrik findet sich heute in den Songtexten kluger Rapper, in der Popmusik.

          Somit trägt die Anthologie „Polnische Gedichte des 20. Jahrhunderts“, die der große Übersetzer und unentwegte Kulturvermittler Karl Dedecius nun in einer zweisprachigen Ausgabe bei Insel vorlegt, Züge eines Nachrufs – diese Blütenlese versucht sich an einer letzten Bewahrung und Kanonisierung einer unwiederbringlich verlorenen Art. Dass die Buchdeckel dieses Bandes keine Grabsteine sind und sich beim Blättern, Stöbern und Lesen nicht das Gefühl einstellt, man müsse den Staub von den Seiten blasen – das liegt auch an den vielen Neuentdeckungen, die diese Sammlung gerade für den deutschen Leser bereithält.

          Ich liebe dich, mein FEIND

          Da finden sich zum Beispiel die „Küsse“ von Maria Pawlikowska-Jasnorzewska, ein Gedicht aus den zwanziger Jahren; der Vierzeiler ist eine Meditation über die dunkle Seite der Liebe: „Jede Tugend, gottgefällig, / nichtig mir scheint. / Mich macht nur eine selig: / Ich liebe dich, mein FEIND . . .“. Die Tochter des berühmten Historienmalers Wojciech Kossak verfocht wie viele ihrer Schriftstellerkolleginnen der Zwischenkriegszeit auch für Frauen das Recht, Leidenschaft und Gefühle ohne Rücksicht auf gesellschaftliche Konventionen auszuleben. Auch der Alltag, der bisher als unpoetisch gegolten hatte, floss in ihre pointierten Miniaturen ein: „Ich seh dich zögernd stehn vor kleinen Lachen, / mit Rose, Schirm, im Pelz, gemütlich warm, / ein Pekinesenhündchen unter deinem Arm . . . / Und wie wirst du den Schritt in die Unendlichkeit machen?“

          Da ist Antoni Sonimski, hierzulande allenfalls als Science-Fiction-Autor („Zweimal Weltuntergang“) bekannt, dessen kurzes Gedicht „Rebellion“ von 1920 dem Wesen des polnischen Revolutionärs gilt: „Mein Herz zu rühren braucht es nur sehr wenig. / Mein Wort entlädt sich leicht wie ein Gewehr. / Im Königreich bin ich ein Revolutionär, / Und in der Republik lobpreise ich den König.“

          Gedichte wie Köder

          Liebesgedichte schrieb auch der Dichter, Übersetzer und Orientalist Wacaw Rolicz-Lieder, ein Vorläufer des polnischen Modernismus. Von 1903 stammt das seinem deutschen Freund gewidmete Liebes-Poem „An Stefan George, mit einem Bild“: „Hier ist das Bild: Wie es uns widerfahren, / Das weiße Zimmer scheint auf uns zu warten, / Dort, wo im Abendrot vor vielen Jahren, / Als uns die Spatzen zwitscherten im Garten, / Zwei Seelen sich befangen offenbarten.“ Rolicz-Lieder übertrug Georges Lyrik ins Polnische, und George lernte Polnisch, nur um Lieders Gedichte ins Deutsche übersetzen zu können. Selten hat sich deutsche und polnische Literatur so eindrucksvoll befruchtet wie hier.

          Dieser Band legt Gedichte wie Köder aus, die uns zu Autoren und von dort weiter zu anderen Autoren führen; die Linien verästeln sich und ergeben am Ende ein vielfältigstes Geflecht aus Querverbindungen und Übertragungen. Zugleich spiegelt die Auswahl die persönlichen Lektürevorlieben ihres hoch verdienten Herausgebers. Es gibt Erstübersetzungen darin, aber auch Gedichte, die schon übersetzt waren. Dedecius, der demnächst achtundachtzig Jahre alt wird, erhebt durchaus den Anspruch, den gesamten Kanon der polnischen Lyrik in seiner eigenen Sprache zu fassen. Vielen Dichtern, darunter Miosz, der als „globaler Berufspendler“ galt, aber auch Szymborska, die immer in Krakau wohnen blieb, Adam Zagajewski, Ryszard Krynicki und sogar dem genialen Konstruktivisten Julian Przybo ist Karl Dedecius persönlich begegnet. Und er hat ihr Werk einer deutschen Leserschaft überhaupt erst zugänglich gemacht.

          Vom Fin de Siècle bis in die Gegenwart

          Mit dem gleichaltrigen Tadeusz Róewicz verbindet ihn eine Freundschaft, wie er sie auch mit den bereits verstorbenen Zbigniew Herbert und dem großen Humoristen Stanisaw Jerzy Lec („Es ist nicht ausgeschlossen zwischen dem einen und dem anderen Gedanken – glücklich zu sein“) gepflegt hat.

          Ein ganzes Jahrhundert der Poesie wird hier durchschritten, vom Fin de Siècle bis in die jüngste Vergangenheit. Der Leser verfolgt den Wandel der polnischen Sprache und spürt darin all jene Veränderungen auf, die das Land in dieser so dramatischen wie tragischen Epoche erlebte. Das macht diese Lyrikanthologie auch zu einem außergewöhnlichen Geschichtsbuch.

          Weitere Themen

          Keine Angst vor Schreib-Maschinen

          Literatur im Internet : Keine Angst vor Schreib-Maschinen

          Steht das Internet der Literatur im Weg? Kathrin Passig steht virtuellen Autorenkollektiven nicht nur mit Abneigung gegenüber, doch in ihren Grazer Vorlesungen, die nun als Buch erscheinen, überschätzt sie Künstliche Intelligenz auch nicht.

          „Dark – Staffel 2“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Dark – Staffel 2“

          Es geht weiter: Die 2. Staffel der „Dark“-Trilogie ist ab 21. Juni auf Netflix verfügbar.

          Topmeldungen

          Wirft hin: Patrick Shanahan wird nicht amerikanischer Verteidigungsminister.

          Rückzug von Shanahan : Keine Ruhe im Pentagon

          Mitten in der Iran-Krise verliert Donald Trump seinen amtierenden Verteidigungsminister. Der Wunschkandidat des Präsidenten hat sich zurückgezogen – wegen eines „traumatischen Kapitels“ in seinem Familienleben.
          Der 22 Jahre alte Ali B. dementiert weiterhin die Vergewaltigung von Susanna F.

          Psychiaterin über Ali B. : Egozentrisch, manipulativ, empathielos

          Im Prozess um die getötete Schülerin Susanna F. aus Mainz berichtet wenige Wochen vor dem Urteilstermin die psychiatrische Gutachterin. Den angeklagten Ali B. beschreibt sie als faulen und frauenverachtenden Mann, der in seinem Leben immer nur an sich selbst gedacht habe.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.