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Rezension : Musealisierung und Jugendwahn - Frieder Rusmanns Kunsttot-Manifest

  • -Aktualisiert am

Während man offline noch das Thema Sterbehilfe diskutiert, fordert Frieder Rusmann in einem Online-Projekt schon den natürlichen Tod des Kunstwerks.

          Unter dem Pseudonym Frieder Rusmann hat der Künstler Johannes Auers sein Online-/Offline-Projekt „Kunsttot“ in drei Zonen gegliedert: manifest.zone, test.zone und protest.zone. Erstere empfängt einen mit zwei Reihen von Händen, die alsbald ganz ungeordnet über den Bildschirm laufen, alle nach dem Klick zu rufen scheinen, dann aber nirgends hinführen, sondern ihre Schlagworte hervorholen (Bild 1).

          Klickt man aufs Manifest selbst, liest man Zeilen wie: „Warum wird auf Sixtina komm raus erhalten, bewahrt und retuschiert? Machen wir uns nichts vor: Die zwanghafte Erhaltung von Kunst, die umfassende Durchästhetisierung des Alltags, die ständige Reanimation und 'Wiederentdeckung' vergangener Kunstepochen ist nur Ausdruck der heutigen Phobie vor Alter, Runzeln und Tod. Kunst als zeitlose Konstante ist die Wunschprojektion der altersfreien Gesellschaft, ein verkehrtes Dorian-Gray-Syndrom.“ Der Aufhänger für „Kunsttot“ scheint im Biergarten geboren und besteht faktisch im frechen Anders-Herum-Lesen: Musealisierung nicht als Verneigung vor dem Alter, sondern als dessen Negation.

          Das Manifest

          Aber Rusmann-Auer hat seine Beobachtungen mit einigen schönen Behauptungen versehen. Er weist auf die um sich greifende Infantilisierung hin, die den Tretroller, gegen den früher schon Vierjährige auf das Fahrrad bestanden, zum Trendsportgerät der Mittdreißiger werden lässt. Er vergleicht die zwanghafte Restaurierung alter Kunstwerke mit dem Face-Lifting des Schönheitschirurgen und dem Jogging-Widerstand gegen erschlaffendes Fleisch. Bestes Beispiel ist die Dresdner Frauenkirche: „der historische Prozess wird umgekehrt, und das ausgebrannte Symbol einer Gewaltherrschaft wird mit weltweitem Spendenaufkommen versöhnlich zurückidyllisiert.“ Ja, die Sache ist durchaus politisch.

          Und so lädt das Manifest schließlich zur Unterschrift folgender Forderungen ein:

          1. Falten für Mona Lisa
          2. Verbot von Kunstdrucken
          3. Schluss mit Ausstellungen der klassischen Moderne
          4. Volles Licht in die Museen
          5. Kunstfreies Wohnen
          6. Förderung der net.art (vergeht von selbst)
          7. Säurehaltiges Papier
          8. Verknappung der Ölfarbenreserven
          9. Abschaffung des Publikums
          10. Kunstpause

          Es haben bereits einige Protestler unterschrieben, und wie es sich für das Medium gehört, alle mit ihrer Email-Adresse.

          Der Test

          Soweit die Politik. Folgt der Spaß der test.zone, wo man Mona Lisa durch Klicks einen Bart verpassen, sie ausziehen (ja, sie ist eine Frau) und, denn sie wird alt und ihr ist kalt, wieder bekleiden kann (Bild 2). Man kann auch die Frauenkirche per Klick „rückbauen“, kann beim berühmten Urinal die Spülung betätigen, kann Reinhard Döhls Apfel-Gedicht - ja, das ist auch schon über 35! - vom Wurm zerfressen lassen (Bild 3) oder eine antike Plastik durch einen Porsche umfahren und diesen dann durch einen Nike-Sportschuh platt treten.

          Der Protest

          In der protest.zone geht's dann zur Sache. Hier ist die Unterschrift des Nutzers gefragt, entweder unter alle 10 Punkte, unter ausgewählte Punkte oder unter irgendein selbst gewähltes und formuliertes Protestthema. Man kann den unterschriebenen Protest auch an einige der Hauptangeklagten versenden: Zu ihnen zählen die Neue Nationalgalerie in Berlin, das Museum für neue Kunst in Karlsruhe, der Louvre in Paris, die Bundeskunsthalle in Bonn, das Fine Arts Museum of San Francisco, das MoMA in New York und die Kunsthalle Emden.

          Der Sinn

          Der Klick auf „abschicken“ ist schnell getan, und das könnte es dann gewesen sein. Man kann freilich auch noch ein bisschen nachdenken über den erwähnten Widerspruch Archivierung und Jugendwahn. Ist das Festhalten an altehrwürdigen Kunstwerken, das hier so moniert wird, nicht die bessere Medizin gegen eine ganz auf Jugendlichkeit und Infantilisierung setztende Dramaturgie des Spektakels? Soll Mona Lisa wirklich Big Brother das Feld räumen?

          Man weiß nicht, wie ernst Rusmann-Auer es meint; Text und technische Präsentation sind jedenfalls voller Ironie. Fest steht, dass Auer Döhls Apfel braucht, um ihn immer wieder aufzuessen. Auch der Witz mit Mona Lisa wäre keiner, hinge „Leornardos lächelnde Schlampe mit 500-jähriger Samthaut“ nicht brav und gut besucht im Louvre. Nur vor dem Hintergrund des Bewahrten, nur unter der Voraussetzung eines gut sortierten kollektiven Gedächtnisses funktioniert die Rebellion. So scheint das Manifest insgeheim nach dem zu rufen, was es auf der Oberfläche verdammt. Aber sicher ist es nicht. Sonst wär' es ja auch keine Kunst.

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