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Rezension : Mit 30 den Anfang vom Ende der Träume erleben?

  • -Aktualisiert am

Bild: Piper Verlag

„Das dreißigste Jahr“ problematisiert in sieben Erzählungen, wie stark das Individuum den gesellschaftlichen Regeln unterworfen ist.

          Er bietet Anlass für gute Vorsätze, für Lamentos oder gar für Krisen: der 30. Geburtstag. Wenn man das dritte Lebensjahrzehnt erreicht, gleitet das Leben in festen Bahnen. Die gesellschaftlichen Pflichten fordern zunehmend Tribut. Langsam erkennt man, dass nicht mehr alles möglich ist. Auch in der Literatur ist das dreißigste Jahr ein beliebter Topos für existentielle Konflikte und Fragen nach dem Sinn des Lebens.

          Auch Ingeborg Bachmann, die zu den bedeutendsten Autoren der Nachkriegszeit gehört, hat dieses Motiv aufgegriffen. 1961 veröffentlicht sie unter dem Titel „Das dreißigste Jahr“ ihre ersten Prosastücke - sieben Erzählungen, die um das Problem der Individualität kreisen.

          Auf der Flucht

          Die Figuren in Bachmanns Geschichten leiden alle auf verschiedene Weise an den gesellschaftlichen Regeln. Vehement versuchen sie, sich den allgemeinen Rollenerwartungen zu entziehen - sei es durch heftigen Protest oder trotzige Resignation.

          So weigert sich der Ich-Erzähler in der Geschichte „Das dreißigste Jahr“ lange, die bestehende Ordnung zu akzeptieren und eine klar definierte Rolle auszufüllen. Doch kurz vor seinem dreißigsten Geburtstag spürt er in sich einen Wandel. Eine innere Macht zwingt ihn, sich zu erinnern und zwar „mit einem schmerzhaften Zwang an alle seine Jahre, flächige und tiefe, und an alle Orte, die er eingenommen hat in den Jahren“. Die eigene Vergangenheit konfrontiert ihn mit seinen Fehlern. Plötzlich will er herausfinden, „wer er war und wer er geworden ist“.

          Geplatzte Träume

          Auch in den anderen Geschichten träumen die Menschen davon, eine eigene Identität zu begründen und sich von allen Zwängen zu befreien. So sieht der Vater in „Alles“ das gesellschaftliche Leben als eine einzige „Falle“ an. Er möchte seinen Sohn vor der Sozialisation durch die Gesellschaft bewahren, die aus ihm wie in einer „Dressur“ ein konformes Wesen mache.

          In „Ein Schritt nach Gomorrha“ versucht Charlotte, dem Gefängnis ihrer Ehe zu entkommen. Sie flüchtet sich in eine lesbische Liaison und hofft so, der männlich geprägten Welt eine weibliche Alternative gegenüber zu stellen.

          Keine neue Welt

          Doch der Wunsch, der gesellschaftlichen Realität eine neue Wirklichkeit entgegenzustellen, scheitert. Es findet sich keine „Insel, von der aus ein neuer Mensch eine neue Welt begründen kann“, wie es in „Alles“ heißt. Auch der Erzähler in „Das dreißigste Jahr“ stellt sich am Ende seiner Verantwortung. Bachmanns Fazit ist eindeutig: Ein völliger Austritt aus der bestehenden Ordnung ist nicht möglich.

          Trotzdem bejaht sie den Versuch, das gesellschaftliche System in Frage zu stellen. Die Spielregeln zu durchschauen, wertet sie als einen wertvollen Lernprozess, um der Konformität zu widerstehen. Bachmann bekennt: "Im Widerspiel des Unmöglichen mit dem Möglichen erweitern wir unsere Möglichkeiten. Daß wir es erzeugen, dieses Spannungsverhältnis, an dem wir wachsen, darauf, meine ich, kommt es an.“

          Vieldimensionale Lesarten

          Als Bachmann Ende der 50er Jahre die Erzählungen für “Das dreißigste Jahr“ verfasste, hatte sie die restaurative Gesellschaft der Nachkriegszeit vor Augen. Die Existenz- und Sinnkrisen, von denen sie erzählt, beschreiben treffend das Lebensgefühl vieler Menschen der damaligen Zeit.

          Doch auch 40 Jahre später besitzen Bachmanns Erzählungen immer noch eine verstörende Kraft. Sie lassen sich historisch lesen und zugleich individuell auf die eigene Lebenssituation übertragen. Auf dieser Vielschichtigkeit beruht die emotionale Wirksamkeit ihrer Prosa - bis heute.

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