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Rezension: Lyrik : Gellen der Tinte, Beben der Schrift

  • -Aktualisiert am

Bild: Dumont Literatur und Kunst Verlag

In seinem neuen Gedichtband unternimmt Thomas Kling "Sondagen" als Grabungen im topographischen wie sprachlichen Gelände.

          Am Anfang aller Poesie steht der Zauber, als Sprach- und Schrift-Magie in einem ganz wörtlichen Sinn. Hinter dem althochdeutschen zaubar nämlich verbirgt sich etymologisch der angelsächsische téafor, der Farbstoff, der die Runenzeichen im Stein sichtbar macht. Mit der blutrot gefärbten Geheimschrift, mit Heilungszauber und Bienenbeschwörung, begann der zweitausendjährige Durchgang durch die Poesie, den Thomas Kling im letzten Jahr in seiner großen Anthologie "Sprachspeicher" unternommen hat. In derselben Schrift hat man sich auch seinen neuen Gedichtband zu denken - den ersten seit dem vor drei Jahren erschienenen "Fernhandel" und den umfangreichsten seines bisherigen Werks.

          In den Zauberformeln entdeckt Kling Urmuster der Weltwahrnehmung und der Versuche, sie sprachlich zu bannen. Wer diese Gedichte liest, sieht Gespenster. Er sieht den wortmächtigen "wespenbanner / der wußte den richtigen spruch", er sieht Hexen und Untote, Wiedergänger von Vergangenheiten, die zu geisterhaftem Leben erwachen. Er erfährt nicht nur etwas "Über die Art wie sie Hagelschlag zu erregen pflegen", über die Anwendungen "der flut-, der flugsalbe", über "das stinkende haar / Und das blut und die pisse" - er erblickt dies alles auch in Klings Bildvorlagen, in den Hexenbildern Baldung Griens und des Hexenhammers, und zugleich aus den Augen des ängstlich voyeuristischen Schreibers, der die peinlichen Befragungen mit zitternder Feder protokolliert. Und da werden auf einmal postmoderne Metaphern wie die vom "beben der schrift" wieder so neu und konkret, als hätte Kling sie eben erfunden.

          Wer diese Zaubersprüche liest, hört mit albtraumhafter Schärfe das "gellen der tinte", das "fading" der Pythia, den "ohrenbetäubenden schneefall" am Waldrand. In den Leichenbildern, die Juan Valdés Leal 1672 in Sevilla gemalt hat, erblickt er die "gelockte bischofsmumie" und die von Käfern überkrochene Tiara; vorbei an den barocken Vanitas-Emblemen fällt sein Blick hinab ins "beingewölb aus staub und mulm", in dem das leitmotivisch eingesetzte "teure tuch" der Toten am Ende nur noch Tuch ist, ohne Beiwort; in dem plötzlich, die Epochen verwirrend und vereinend, eine Fotografie aus dem spanischen Bürgerkrieg aufblitzt und in dem endlich, als triumphierender "kerzenlöscher", der leibhaftige Tod erscheint.

          Klings "Sprachspeicher", den der erste Merseburger Zauberspruch eröffnet hatte, endete mit Versen von Marcel Beyer. Auch dessen Bienen-Gedichte und archäologisch-poetologische Metaphern hallen nun in Klings Klangraum wider. Wie Beyer jüngst in dem Band "Erdkunde", so unternimmt auch Kling seine "Sondagen" als Grabungen im topographischen wie sprachlichen Gelände. Doch dieser Archäologe ist ein maskierter Medizinmann, ein Schattenbeschwörer des Imperfekts. Die technisch verfeinerten Instrumente verwandeln sich in seinen Händen zu magischem Gerät. Durchs "sprachrohr" blickend, entdeckt er eine "zielperson mit geweihmaske"; seine "wärmebildkamera" richtet er aufs schmutzverkrustete "hexenhemd"; er hört Beowulfs Seewetterbericht "mächtige / seeschlangen voraus" melden, und "dem bildstrom / längs macht fahrt das gedicht. ist lesbare sprachküste".

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