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Lutz Seilers Roman „Kruso“ : Du wohnst im Geräusch

Bild: Suhrkamp

„Kruso“ von Lutz Seiler, Anwärter auf den Deutschen Buchpreis, ist der Roman eines Lyrikers. Der Leser braucht einen langen Atem, dann aber wird er förmlich verzaubert.

          Seltsames Buch. Kein vergleichbares kommt einem auf Anhieb in den Sinn. „Der Klausner“ - wann hat man dieses Wort zum letzten Mal gehört? Aus der Kindheit klingt es herauf, aber manches in diesem Roman kommt von noch weiter her, von „drüben“, und das ist nicht politisch gemeint. Kobolde und Geister und noch ganz andere Kräfte scheinen auf Hiddensee, so, wie es Lutz Seiler uns malt, im Sommer und Herbst 1989 Stammgäste gewesen zu sein. Aber Vorsicht: Dies ist kein „Wende“-Roman. Vielmehr spielt die dramatische Politik jener Monate nur als Radio-Rauschen und eben durch Geisterklänge herein.

          Lorenz Jäger

          Freier Autor im Feuilleton.

          Es gibt auch kaum einen Roman, der den unkonzentrierten Leser so leicht hinausschmeißt wie dieser. Immer dieser Abwasch im „Klausner“, den Edgar besorgen muss, immer diese festgebackenen Kaffeereste in den Tassen, immer wieder Edgars Übelkeitsanfälle. Immer wieder das Meer. Und diese komischen DDR-Dinge, deren Namen man erst googeln muss. Es hilft nichts: Man muss sich auf den Rhythmus des Romans einlassen - dann beginnt nach einer Weile seine hypnotische, fast magische Kraft zu wirken.

          Ein merkwürdiger Bruder-Bund

          Woher die kommt? Lutz Seiler war bisher vor allem Lyriker. Seine Sprache stammt nicht aus dem Parolenvorrat (auch nicht aus dem der „Guten“). Ist es, weil der Verfasser (wie sein Protagonist Edgar, der sein Germanistikstudium gerade abbricht) so ein inniges Verhältnis zur Dichtung von Novalis und von Georg Trakl hat? Am Anfang ist man ein wenig skeptisch. Handelt es sich bloß um bildungshuberische Zitate? Eben nicht. Etwas von diesem Tiefengeist, vom goldbraunen Schönheitsverhängnis Trakls ist - verwandelt, assimiliert, legiert, transformiert - in Seilers Erzählkunst eingewandert. Auch Nietzsche mit einem Herbstgedicht und Peter Huchel klingen herein. Lutz Seiler ist ein eminent sprachbewusster Schriftsteller, nur zweimal fand ich die unschöne Wendung „Sinn machen“, zweimal „sich anfühlen“.

          Aus der Romantik kennt man Menschen, die tagtäglich Umgang mit den Dämonen pflegen. Aber auch die Dämonen werden nicht plakativ ins Bild gesetzt, Seiler gibt ihnen alle Zeit der Welt, uns ihren wahren Namen mitzuteilen. Da ist dieser Kruso, eigentlich Alexander Krusowitsch, auch „Losch“ genannt. Aus dem alten Ausflugslokal „Klausner“ hat er ein Refugium für die Gestrandeten dieses Sommers geschaffen; alle möglichen Aussteiger finden bei ihm Asyl. Es könnte ein realsozialistisches Hippie-Idyll sein. Auch Kruso hat ja ein Ohr für die Dichtung, er achtet auf Träume (Edgars Ankunft hat er vorausgeträumt); zwischen den beiden Männern bildet sich ein merkwürdiger Bruder-Bund. Wie zwischen Meister und Adept in den alten Geheimlehren üblich, prüft Kruso Edgars Hände.

          Der Prophet hat alles in der Hand

          Kruso ist aber mehr als eine idyllische Figur aus einer nordöstlichen schäferischen Welt. Er ist ein Guru der Freiheit. Seinen Adepten - bald nennt er sie eine „veschworene Gemeinschaft“ - predigt er die Lehren des religiösen Existentialisten Leo Schestow, auch von Gracchus Babeuf, dem ersten radikalen Gleichmacher der Französischen Revolution, von Ernst Bloch, dem utopischen Philosophen, und von Carlos Castaneda. Dieser stand zeitweise in der westlichen Boheme in höchstem Ansehen, als er Wege der Bewusstseinserweiterung aus angeblich indianischen Quellen vortrug. In der DDR mag Castaneda zeitversetzt gewirkt haben.

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