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Rezension : Krimi, Epos unserer Zeit oder mythisches Geraune?

  • -Aktualisiert am

Bild: Deutscher Taschenbuch Verlag

Jorgi Jatromanolakis Roman über einen Mord auf Kreta endet in einem mythischen, beunruhigendem Dunkel.

          2 Min.

          Wer glaubt, er habe es bei Jorgi Jatromanolakis' „Bericht von einem vorbestimmten Mord“ mit einem handfesten Krimi zu tun, kommt nicht auf seine Kosten. Jatromanolakis, der für seinen 1982 erschienenen Roman „Der Schlaf der Rinder“ den Ersten Griechischen Nationalpreis für Literatur und den Nikos-Kazantzakis-Preis erhielt, hat höhere Ansprüche. Dabei deutet zunächst alles auf eine reißerische Story hin. Man könnte ihr auch den Titel „Mord im Hörsaal“ geben. Der 1940 auf Kreta geborene Autor kennt das universitäre Milieu, in dem seine Handlung spielt. Er lehrt heute Klassische Philologie an der Universität Athen.

          Am Ende des 20.Jahrhunderts, im Monat November, erschoss im unterirdischen Hörsaal des Instituts für Technologie und Forschung der Universität von Kreta während eines Seminars ein zweiunddreißigjähriger Doktorand zwei Physikprofessoren und verletzte drei weitere Personen schwer. Der Täter verschwand nach dem Blutbad und konnte nicht gefasst werden. Erst ein halbes Jahr später entdeckte ein Hirte dessen Skelett mit der Tatwaffe in der Hand neben einer Kirche auf dem sagenumwobenen Berg Dikti im Lassithi-Gebirge.

          Was viele Menschen an dem Geschehen verstörte, war, dass Opfer und Täter der gleichen akademischen Bildungselite angehörten, einer Klasse, die, wie der Autor schreibt, „der reinen Wahrheit dient und das Wissen von der sichtbaren und der unsichtbaren Welt hütet“. Kein Wunder, dass vor allem die Wissenschaftler tief erschüttert waren.

          Ein anonym bleibender Erzähler versucht, die Umstände des Verbrechens zu recherchieren. Er hat den Täter so wenig gekannt wie dessen Opfer. Von der Tat selbst hatte er zum erstenmal aus den Zeitungen und dem Radio erfahren. Ein halbes Jahr später veranlasst ihn eine Fotografie des toten Mörders, der Angelegenheit genauer nachzugehen. Er findet heraus, dass der Täter vor 32 Jahren im Sternbild des wissbegierigen Bogenschützen geboren worden wurde, unverheiratet blieb und für die Wissenschaften offensichtlich wenig geschaffen war. Er hatte zwar bis zum Ende seines Lebens gelernt und geschuftet, aber er war und blieb ein „Nachdiplomstudent“.

          Ein unbegreifliches Verbrechen

          Der Erzähler verschafft sich die Dissertation des erfolglosen Forschers und gelangt sogar in den Besitz eines handschriftlichen, nie abgeschickten Berichts des Täters an den Ministerpräsidenten. Er geht den Lebensläufen des Täters und der Opfer nach und verfolgt minutiös anhand von Obduktionsberichten, Karten und anderen Unterlagen sämtliche Spuren. Planvoll sammelt er alle Informationen, die er erreichen kann, um hinter das Geheimnis des amokhaften Mordens zu kommen. Das Verbrechen erscheint auf den ersten Blick unbegreiflich, unverzeihlich und in gewisser Hinsicht auch profan, obwohl niedrige Motive - dessen ist sich der Erzähler ganz sicher - nicht im Spiel waren. Er stößt auf Ungereimtheiten und entdeckt Widersprüche und spürt alsbald, dass die Belastungen der selbst gestellten Aufgabe gravierender sind, als er zuerst angenommen hat. Die abscheuliche Tat einer ihm völlig unbekannten Person verändert sein eigenes Leben und bringt, wie er selbst erkennt, seine „kraftlose Seele in große Gefahr“. Immer tiefer gerät er in einen Sog rätselhafter Verstrickungen hinein.

          Dabei wechselt Jorgi Jatromanolakis langsam die Perspektiven und lässt den Roman in Dimensionen homerischer Epik übergehen. Mit Elementen der griechischen Tragödie und einer unpathetischen Sprache führt er die Leser in die archaische Welt eines fremden Kreta, auf dem einst der furchtbare Minos wütete und die mythischen Gestalten der Antike das Schicksal der Menschen bestimmten. Haben diese auch gegenwärtig wieder ihre Hand mit ihm Spiel? Unverkennbar geht es um den Einbruch einer unsichtbaren Welt in die sichtbare Realität, um geheime Gesetze des Lebens, um Winke und Zeichen des Schicksals. Dem Rechercheur drängt sich die Frage auf: Wurde der Mörder von einer unterirdischen geheimen Macht getrieben? War alles schicksalhaft bestimmt? Gehorchte er einem unsichtbaren Befehl?

          Jedenfalls gerät die anfangs bizarre Geschichte über akademische Rivalität und Besessenheit mehr und mehr zu einem düsteren und beunruhigenden Epos unserer Zeit. Lesern indessen, die mit beiden Beinen auf dem Boden der Tatsachen stehen und mythischem Dunkel abhold sind, dürfte die Lektüre wenig behagen.

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