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Karl-Heinz Otts „Wintzenried“ : Der dümmste und also folgenreichste aller Aufklärer

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Bild: Hoffmann und Campe

Eine ironische Betrachtung des Aufstiegs von Jean-Jacques Rousseau zu Europas leitendem Universalkauz: Karl-Heinz Ott führt den Philosophen als Menschenfeind vor, den die Philantropen liebten und Artverwandte verfluchten.

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          Wir kennen diesen Mann, wir kennen ihn gut. Seit Jahrtausenden existiert er, immer verliebt in sein eigenes Spiegelbild. Alles an ihm ist Überschwang, Liebe wie Hass peinlich exaltiert. Rousseau heißt er nur eine Sekunde lang, allerdings eine entscheidende Weltsekunde. Doch Karl-Heinz Otts schwarzhumoriger Ritt durch das Leben jenes Philosophen, der mit einer einzigen Denkfigur berühmt wurde: das Innerste nach außen zu kehren, ist trotz hoher Detailtreue - die erstaunlichsten Wendungen stammen oft aus den „Bekenntnissen“ - vor allem eines nicht: eine Rousseau-Biographie. Ein erstes Indiz ist bereits der Titel, doch ebender könnte in die Irre führen: Wintzenried hieß jener Perückenmacher, der Rousseau in jungen Jahren die dreizehn Jahre ältere, „Maman“ genannte Geliebte ausspannte. Karl-Heinz Ott macht daraus ein lebenslanges Trauma. Gleichwohl handelt es sich kaum um einen psychologischen Roman, denn so lapidar will der Autor Rousseaus in Panik umschlagendes Misstrauen gegen alle Zuneigung nicht erklären. Eher schon ist es ein weiterer böser Witz.

          Auch einen historischen Roman kann man „Wintzenried“ nur ansatzweise nennen, denn der so nüchtern wie pointiert voraneilende Erzähler setzt keineswegs auf altertümliches Kolorit. Otts an sich selbst kränkelnder Rousseau scheint vielmehr zeitenthoben. Als Rationalismuskritiker besetzt er eine Systemstelle, an der sich heute ganz andere Gestalten tummeln: Esoteriker, religiöse Fundmentalisten, Verschwörungstheoretiker. Die höchst ironische Betrachtung des Aufstiegs Rousseaus zu Europas führendem Universalkauz ist damit auch ein augenzwinkernder, ja dekonstruktiver Kommentar zur Antiwissenschaft, zur ethisch-ekstatischen Philosophie und zum Starkult der Moderne. Zu lesen, wie jemand, der die ganze Welt als feindselig wahrnimmt, sich zum Feind der ganzen Welt macht, um dann - trotz talibanhafter Zivilisations-, Frauen- und Erziehungsansichten - ihr Held zu werden, das ist ein einziges Vergnügen.

          Talentierter Aufschneider, sozial inkompetent

          In der Tat prädestiniert die skurrile Eitelkeit und die absurd gigantische Wirkung Rousseau unter allen Größenwahnsinnigen zum Romanhelden: ein Menschenfeind, den die Philanthropen liebten und den Artverwandte verfluchten. Nietzsche, Hammer-Philosoph, Pferdeküsser und Gekreuzigter, wollte bekanntlich ebenfalls zurück zur Natur, allerdings zur vernichtenden, weshalb er den Autor des „Gesellschaftsvertrags“ verdammte als „Missgeburt, die sich an die Schwelle der neuen Zeit gelagert hat“: Alles von ihm Geschriebene sei „falsch, gemacht, Blasebalg, übertrieben“, geradezu unerträglich sein moralischer Idealismus. Umgekehrt schrieb Heine, dass Robespierre „aus dem Schoße der Zeit den Leib hervorzog, dessen Seele Rousseau geschaffen“. Zu lieblich also oder zu monströs. Geliebt wurde Rousseau aus ebenso widerstreitenden Gründen: Aus empfindsamer Sentimentalität oder aus expressionistischer Negationslust, schließlich galt er als fleischgewordene Antithese zu Voltaire.

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