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Rezension : Junkfood mit Kaviar

  • -Aktualisiert am

Tim Krohn traf seine Muse, und mit ihr zusammen schrieb er den Roman „Irinas Buch der leichtfertigen Liebe“.

          2 Min.

          „Irinas Buch der leichtfertigen Liebe“ ist eine Gemeinschaftsarbeit von Tim Krohn und der Exilrussin Irina Jurijewna, die Krohn als reale Figur auftreten lässt. An keiner Stelle wird erwähnt, dass diese nur erfunden und das Buch ein Roman sei.

          Krohn baut den Roman als Dialog zwischen dem Schriftsteller und seiner Muse auf, die er angeblich am Bahnhof kennen lernte und mit der er sich angeregt unterhielt, bis der Zug abfuhr. Sie vereinbarten, zusammen einen Geschichte zu schreiben. Das geht nun folgendermaßen vonstatten: Tim schreibt ein kleines Stück Text, Irina kommentiert das Geschriebene und gibt Vorgaben über den weiteren Verlauf der Handlung. Ihr Medium ist das Faxgerät, auch wenn dessen Zeitangaben manches Mal nicht stimmig sind. Herausgekommen ist die Korrespondenz zweier Verliebter über die Geschichte von zwei Liebenden.

          Ausgehend von der Verwechslung einer Faxnummer - der Protagonist gab seiner Frau Dunja nicht die eigene in Moskau, sondern versehentlich die seiner Ex-Freundin Ewa in Svärdsjö - entwickelt sich eine ungewöhnliche Dreiecksgeschichte mit unvermutetem Ausgang. Die Freundin reist zur Frau nach Paris, der Gelibet und Ehemann ruft gerade dann dort an, als sich die beiden treffen. Grundthema des Romans im Roman ist das Missverständnis, die falsche Einschätzung des Gegenübers, das falsche Bild, auf das der Partner so reagiert, wie er denkt, dass es dem anderen am besten gerecht werden würde. Dunja ist sich sicher, dass sie Ira verlassen will. Sie fährt dann mit einer Freundin ans Meer. Dort entscheidet sie sich wieder für ihren Mann, der aber inzwischen bei Ewa angekommen ist, um Dunja zu suchen. Er beschließt dann, bei Ewa im Norden zu bleiben und diese zu lieben, wohingegen Ewa sich gerade dachte, dass sie alleine an Besten zurecht käme.

          Durch die Einlassungen der Exilrussin per Fax rezensiert sich Krohn gleich selbst. Geschickt wendet er die Geschichte, wie es Irina gerade verlangt. So wechseln sich romantische Passagen und weniger herzliche ab. Krohn gibt seinen Figuren die Tiefe, die der Leser von der russischen Literatur her kennt. Dabei verströmt er auch gekonnt das Flair der „russischen Seele“. Schon das Vexierspiel der Namensgebung, mit dem die Russen so herrlich spielen: „ein paar Kosenamen für Dunja (ohne die geht, du weißt ja, in Russland gar nix): Dunjascha, Dascha, Duschenka (=Seelchen), Dunjaschenka, Dunjad, Duschok, Darjok, Darjenka ...“

          „Timka“ arbeitet seinem Text hinterher. Er ist ein verspielter Schreiber: Zweimal entsteht der Verdacht, er hätte die Geschichte gewaltsam zurechtgebogen und Details aus dem vorigen Kapitel übersehen. So etwa, als Dunja behauptet, Ira am Telefon etwas erzählt zu haben, woraufhin seine Gleichgültigkeit sie zum Weinen brachte. Kein Wort davon fiel in dem einige Seiten vorher abgedruckten Telefonat. Kaum verbuchen wir dies als Nachlässigkeit, als ganz nebenbei auf einer der nächsten Seiten in einem eingeschobenen Klammersatz diese Nachlässigkeit sich als spielerisches Element entpuppt. Der Autor wiederholt diesen Trick noch einmal.

          „Irinas Buch der leichtfertigen Liebe“ ist wunderbar geschrieben und zeigt Krohns Talent. Mit dem dialogischen Prinzip des Romanschreibens hat er zwar nicht das Rad erfunden, aber es ist ein schönes Motiv und eine gute Gelegenheit, den Leser quasi am Entstehungsprozess teilhaben zu lassen.

          Nach der Lektüre bleibt allerdings der Verdacht, Krohn hätte hier nur eine Stilübung vorgelegt, eine Gelegenheitsarbeit, die ihm nicht schwergefallen sein kann. Der Roman eckt nirgends an, er ist so glatt, dass er durch das Hirn flutscht wie nasse Seife aus den Händen.

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