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Romanrezension Gusel Jachina : Das Überleben der Fünfhundert

Die Eisenbahn war das Symbol revolutionärer Dynamik, wie dieses Agitationsplakat aus der Sowjetunion der zwanziger Jahre zeigt. Gusel Jachinas Roman nutzt den Mythos und wendet ihn zugleich gegen die bolschewistische Idealisierung. Bild: Interfoto

Kinderleid als Folge des Bürgerkriegs: Gusel Jachina erzählt in „Wo vielleicht das Leben wartet“ von einer Rettungsaktion im revolutionären Russland des Jahres 1923.

          4 Min.

          Dieser Roman beginnt in zwei Städten, die weltberühmt sind für ihre prachtvollen muslimischen Bauwerke: Ka­san und Samarkand. Doch mit dem Zauber der Hauptstadt von Tatarstan und des Touristenmagneten von Usbekistan hält sich Gusel Jachina in ihrem Roman „Wo vielleicht das Leben wartet“ gar nicht auf. Es ist auch nicht die rechte Zeit dafür, über die das Buch erzählt: Wir befinden uns im Jahr 1923, genauer gesprochen in den fünf Wochen vom 10. Oktober bis zum 15. November, und auf fast sechshundert Seiten verfolgen wir die verzweifelten Be­­mühungen des Eisenbahners Dejew, einen Transport mit fünfhundert hungernden Kindern aus dem Elend des vom nachrevolutionären Bürgerkrieg hart getroffenen Kasan ins vermeintlich friedliche und vor allem lebensmittelreiche Samarkand zu führen. Knappe viertausend Kilometer Zugfahrt, aber mitten durch Kriegsgebiet, Wüsten und ideologische Auseinandersetzungen. Da bleibt kein Auge für Schauwerte. Es geht ums nackte Überleben.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Das darf man wörtlich nehmen. Die Kinder werden von Dejew den Behörden entlang der Strecke bisweilen noch bettel­armer präsentiert, als sie es eh schon sind. Er lässt sie splitternackt vom Bahnhof zur Unterkunft marschieren, denn er weiß, dass dieser engelsgleiche Auftritt auch noch das Herz des abgebrühtesten Atheisten rührt (in diesem Fall das einer Bolschewistin). Mit seiner rigiden Vorgehensweise überreizt Dejew allerdings auch manchmal sein Blatt: „Glaubst du, weil du hungernde Kinder transportierst, kannst du dir alles erlauben?!“, brüllt ihn ein Bahnhofsvorsteher in Busuluk an, als der Zugführer den einzigen schattenspendenden Baum in der Steppenstadt abholzt, um Feuerholz für die Lokomotive zu bekommen. Es mangelt im Land an allem, auch an Verständnis für seinen hemmungslosen Einsatz im Dienst der ihm Anempfohlenen.

          Die unbekannte Seite des Bürgerkriegs

          Wir wissen um die Grausamkeiten des auf die Oktoberrevolution folgenden Bür­gerkriegs, aber die historische Wahrnehmung seitens des Westens kapriziert sich meistens auf die Metropolen Petrograd und Moskau oder die Kämpfe in der Ukraine, die 1918 von deutschen Gnaden selbständig geworden war, aber dann im Kampf zwischen dem revolutionären Russland und dem wiedererstandenen Polen unter die Räder kam. Doch brutale Auseinandersetzungen fanden da­mals auch jenseits der Wolga statt, wo weiße Heerführer und Atamane ein riesiges Rückzugsgebiet für ihre Truppen hatten, von dem aus sie die bolschewistischen Stützpunkte angriffen, die sich längs der wenigen Bahnstrecken und einiger wichtiger Straßen erstreckten. Die Macht der Revolutionäre von 1917 war immer noch nicht ge­sichert; im folgenden Januar sollte Lenin sterben, der aber schon krank und unfähig war, noch die Fäden in der Hand zu halten. 1923 ist ein Schlüsseljahr in der Geschichte der Sowjetunion, und auch ein Kindertransport war hochpolitisch.

          Deshalb ist Dejew auf seiner Mission eine Politkommissarin zugeteilt: Genossin Belaja (ausgerechnet das russische Wort für „Weiß“; ihren Vornamen erfahren wir ebenso wenig wie den von De­jew), eine ehemalige Klosterschülerin, die sich bedingungslos auf die bolschewistische Seite geschlagen hat. Sie weiß, was sie will: „Alle Beziehungen zu Männern waren für sie ohne unangenehme Folgen geblieben. Diese Eigenheit ihres Körpers schätzte Belaja höher als jede andere.“ Dejew indes lernt noch andere Seiten an ihr zu schätzen, nachdem sich die beiden nach anfänglichen Schwierigkeiten zu­sammengerauft haben. Die erwartbare Liebesgeschichte fehlt nicht.

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