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Rezension : Für abgerechnet 300 Mark - Hellmuth Karaseks Held betrügt

  • -Aktualisiert am

Bild: Ullstein Berlin

Wenn es zur Liebe kommt, wird das Leben zur Komödie und unter Umständen auch zur Tragödie, wie Hellmuth Karasek zeigt.

          3 Min.

          Robert, mittleres Alter, schlägt sich als Journalist und Feature-Autor durch. "Hörfunk, NDR." Er stellt Künstler mit historischen Verdiensten vor. „Richard Wagner und Cosima, als sie die Frau seines Dirigenten war. Oder Clara Schumann und Brahms.“ Mal läuft es gut, dann wieder schlecht. Das merkt der Held aus Hellmuth Karaseks zweitem Roman "Betrug" daran, dass sein Freund, bei der Bank beschäftigt, ihn mahnt, es mit dem Überziehungskredit nicht zu übertreiben. Das aber ist noch die geringste seiner Sorgen. Dass er es pekuniär schafft, sieht Robert optimistisch. In der Liebe allerdings verkümmert er immer mehr zum Pessimisten.

          Seit mehr als 20 Jahren verheiratet, will er von seiner Ehefrau nicht lassen, auch wenn die Leidenschaft abgekühlt ist. Aber er weiß Evas vielfältige Qualitäten zu schätzen, liebt seine Kinder. Und die Ehe gilt ihm als „offener Strafvollzug“, „mit lauter heimlichen Freigängern“. Die 20 Jahre jüngere, dunkelhaarige Katta allerdings ist spöttisch. „Groß, robust, braun gebrannt, eine schöne junge Frau, fest ins Leben geschnitten wie in einen blauen Filmhorizont.“ Katta ist mit Harald, dem Banker, seinem besten Freund, verehelicht. Trotzdem kann Robert weder den Blick noch seine Fantasie von ihr lassen. Und als er nach dem Tennisspiel ihr Knie unter dem Tisch an seinem Knie spürt, trifft er eine folgenschwere Entscheidung: „Er würde Katta befreien. Er würde sich befreien.“ Zwar warnt ihn noch die Vernunft - „ich bin verrückt, verrückt bin ich“ -, aber eine Triebgeschichte nimmt bereits ihren verhängnisvollen Lauf. Denn für die junge Katta ist es ein Spiel, für Robert ist es Ernst.

          Gezündelt

          Hellmuth Karasek liefert die Geschichte einer Midlife-Krise. Sein Held, Ähnlichkeiten mit dem Autor nicht ausgeschlossen - einige Parallelen sind überaus auffällig -, ist kein schlechter Mensch, er will seiner Frau nicht wehtun. Aber ihn fasziniert die „Welt der Andeutungen, Anspielungen“, er spielt gern mit dem Feuer. Und verbrennt sich prompt.

          Worum es Karasek eigentlich geht, wird schnell klar: Er karikiert die hedonistische Gesellschaft, die sich scheinbar alle Freiheiten zugesteht, aber in Gefühlsangelegenheiten konservativ ist. Man gibt sich liberal und leger, hält aber alles unterm Deckel. Man provoziert Bewährungsproben, denen man dann nicht gewachsen ist. Man will viel Spaß, aber der hört da auf, wo man ihn ernst nimmt. Karasek schildert eine vom Zeitgeist gesteuerte Klientel, die in Wahrheit spießig ist, das aber um keinen Preis der Welt zugeben würde. Sein Buch ist ein typischer Hamburg-Roman, sein Autor kämpft gegen die Omnipotenz des steifen Hanseatentums. Nicht umsonst finden die Eskapaden seines Helden großteils in Hotels anderer Städte statt, etwa München oder Berlin. Aber sie verschaffen ihm keine Freiheit von seiner Herkunft und keine Befreiung aus seinen Bindungen.

          Abgerechnet

          Robert trifft sich heimlich mit Katta, hält aber sein bürgerliches Leben aufrecht. Das geht einige Zeit gut, dann bricht „die warme und wohlige Sympathie zwischen ihnen zusammen“. Eine Abtreibung wird nötig, es regnet, Katta versinkt in temporäre Depression, schickt Robert den Smaragdring zurück. Harald, der gehörnte Ehemann, tritt auf den Plan. Er hat Robert im Griff, denn er kennt seine Finanzlage, weiß, dass sein Kunde sich beim Smaragdring-Kauf ziemlich verschuldet hat, weil er es als sein bester Freund mit seiner Frau treibt. Jetzt kommt die Abrechung: „Von dem, was du verdienst, kannst du nicht leben“, sagt der Geprellte. Zählt die Hotels, Reisen, Abendessen zusammen. Zieht den Strich unter die Rechnung und addiert: „Du hast sie für rund dreihundert Mark pro Nacht gebumst.“ Dann noch die Standpauke dazu: „Wer das Geld so wenig achtet, der hat keine Moral. Sinnloses Geldausgeben ist Anarchie.“

          Nichts gewesen

          Panik, Eifersucht, verwirrende Gefühlslage. Noch könnte sich Robert zum Herrn seiner prekären Lage aufschwingen, würde er die Dinge in die Hand nehmen. Doch er tändelt, weiß nicht, was er will, reflektiert stundenlang im Kreis. Seine Frau fängt ihn dabei ab, mustert ihn. „Und er dachte, jetzt kommt die große Aussprache, und das muss leider sein. Aber es kam gar nichts, Eva drehte sich um und ging aus dem Zimmer. Einfach so. Als wäre nichts gewesen.“

          Das ist die Grundstimmung dieser Komödie, die sich zur Tragödie steigert. Oder schal dahin absinkt. „Als wäre nichts gewesen.“ Harald und Katta ziehen nach München. Robert geht mit seiner Frau spazieren. Dann unternimmt er den nächsten Beutezug, erlegt Roswitha. Begreift, „dass er sein Leben lang für diesen Augenblick, für die Wiederholung dieses Augenblicks mit neuen Frauen die verrücktesten, zerstörerischsten Anstrengungen auf sich nehmen, alle Scham und alle Selbstachtung beiseite schieben würde“. Da ist er schon „der fliegende Robert“, eine haltlose Gestalt, die nirgendwo mehr so richtig hingehört.

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