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Rezension: Erzählungen von Salinger : Bitte, verschonen Sie uns mit dem Analysekram!

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Bild: Verlag

War Jerome D. Salinger ein großer Schriftsteller, oder war er nur der Autor eines großen Romans? Zwei Neuübersetzungen geben darauf eine klare Antwort.

          Seit 2003 lässt der Verlag Kiepenheuer & Witsch Jerome D. Salingers Werk, das wir im Deutschen bisher in den Fassungen von Annemarie und Heinrich Böll kannten, von Eike Schönfeld neu übersetzen. Nach dem „Fänger im Roggen“ und „Franny und Zooey“ liegen nun die Neuübersetzungen der „Neun Erzählungen“ und von „Hebt an den Dachbalken, Zimmerleute und Seymour, eine Einführung“ vor.

          Gute Bücher altern nicht, Übersetzungen schon; daher waren diese Neuübertragungen überfällig. Zu ihrer Qualität ist zu sagen, dass Schönfeld frischer und zeitgemäßer ist, dabei aber zugleich der Entstehungszeit des Originals Rechnung trägt und nicht der Versuchung erliegt, Neologismen zu verwenden, die erst danach entstanden sind, oder Salingers phonetischen Slang allzu getreu (und damit krampfhaft) im Deutschen nachbilden zu wollen. Kurz gesagt, diese neuen Versionen sind gegenüber den alten entstaubt und sehr lesbar, und etwas anderes ist von einem Übersetzer von der Qualität und der Erfahrung von Eike Schönfeld auch nicht zu erwarten gewesen.

          Suizid des künstlerische Ideals

          Damit können wir uns der Frage zuwenden, ob Salinger jenseits seines Kultromans ein großer Schriftsteller oder ob er nur der Autor eines einzigen Buches war. Die Antwort fällt ambivalent aus. Die zweite Hypothese hält jedenfalls keiner Überprüfung stand. Ulrich Horstmann hat sie vor wenigen Jahren in seinem Buch über verstummende Schriftsteller aufgestellt und alles, was nach dem „Fänger“ kam, als „Zeugnisse nachlassender narrativer Kompetenz“ und „Dokumente einer sich aufschaukelnden Unlust am Erzählen“ bezeichnet. Seine Abneigung, ja sein Zorn galt besonders dem „Seymour“-Text, „das vielleicht stärkste Stück, das sich Salinger in Sachen Rufschädigung geleistet hat“.

          Unter diesem Aspekt sollte man sich die beiden vorliegenden Neuübersetzungen anschauen. Die neun Erzählungen, die in Horstmanns Schelte nicht vorkommen, sind in der Tat noch mehr oder weniger klassische Short Storys von mehr oder minder Interesse. Die wichtigste ist natürlich die erste, in der Salinger sein künstlerisches Ideal Seymour im Alter von 31 Jahren Suizid begehen lässt. Sie hat eine klassische Pointe, eine Klimax, und entspricht damit dem, was man damals von amerikanischer Erzählkunst erwartete. Andere plätschern teilweise dahin, und die Manie von Salingers Figuren, sich in endlosen Dialogen (oft am Telefon) gegenseitig nicht ausreden zu lassen, kann einem Leser schon hier und da auf die Nerven gehen. Nicht so sehr wegen dieses Kunstgriffs selbst, sondern wegen der Monotonie, mit der er angewandt wird. Immerhin wurde hier noch erzählt im herkömmlichen Sinn, und deshalb sind diese Stories Horstmanns Zorn auch entkommen.

          Verlassen von den Pointen

          Nun aber die späteren Werke, die sich um die Glass-Family drehen und deren fiktiver Autor Buddy Glass ist, Salingers schriftstellerisches Alter Ego, und unter ihnen besonders der Band Dachbalken/Seymour-Band. Horstmanns harsche Worte korrespondieren mit der damaligen zeitgenössischen Kritik. „In ihrer unerträglichen Weitschweifigkeit werden diese beiden Geschichten durch die Zügellosigkeit eines Schriftstellers ruiniert“, schrieb etwa die „New York Times Book Review“ am 7. April 1963, „der mit tiefer Weisheit flirtet, in seinen Annäherungsversuchen aber schüchtern und verlegen bleibt. Mit ihren drolligen Parenthesen und unbeholfenen Fußnoten, ihrer hin und her schlingernden Mischung aus jüdischem Vaudeville-Humor und buddhistischen Rezepten verraten sie einen Verlust an künstlerischer Disziplin, eine Kapitulation vor gepflegten Manierismen.“ Die Botschaft ist klar. Salinger hat endgültig die gute amerikanische Tradition des pointierten Erzählens verlassen, ist weitschweifig, kommt nicht zum Punkt und räsoniert zu viel.

          Salinger selbst hat in „Seymour, eine Einführung“ dieser Kritik schon vorgegriffen. Buddy Glass, der die Geschichte über seinen toten Bruder erzählt, hört an einer Stelle eine „schrille, unangenehme Stimme (nicht die eines meiner Leser): Sie haben doch gesagt, Sie wollten uns erzählen, wie Ihr Bruder ausgesehen hat. Diesen verdammten Analysekram, dieses klebrige Zeug, das wollen wir nicht. - Aber ich. Ich will alles von diesem klebrigen Zeug. Sicher käme auch ich mit ein bisschen weniger Analyse aus, aber von dem klebrigen Zeug will ich alles. Wenn ich eine Chance habe, damit klarzukommen, dann mit diesem klebrigen Zeug.“

          Längst hatte nämlich Salinger an eine Tradition essayistischen Erzählens angeknüpft, die eher europäisch ist, in der auf der Handlungsebene oft wenig passiert, die zu Beginn vielleicht tatsächlich noch nicht weiß, worauf sie hinauswill, deshalb die Abschweifung liebt und sich dann den Vorwurf mangelnder künstlerischer Disziplin einhandelt. Dass seine Zeitgenossen da nicht mitziehen wollten, ist nachvollziehbar, auch wenn später amerikanische Autoren zu Ehren gelangten - wenigstens kurzfristig -, die ähnlich im Schneckentempo und gleichsam mit dem Mikroskop erzählten, wie etwa Harold Brodkey. Auch bei uns heute, im Zeitalter des regalbeschwerenden Großromans und des wuchtigen Erzählens, hat diese Prosa vielleicht keine guten Chancen, wenn auch die Tatsache hoffen lässt, dass hybride Formen wie Essays, Journale, Protokolle oder eine Prosa wie die von Alexander Kluge durchaus Leser finden. Salingers Welterfolg, die Geschichte von Holden Caulfield, war sicher ein schönes Buch, und für manchen mag sie in jungen Jahren sogar der Schlüssel zur Literatur gewesen sein. Sein Meisterwerk aber, zusammen mit „Franny und Zooey“, heißt „Seymour, eine Einführung“.

          J. D. Salinger: „Neun Erzählungen“. Aus dem Englischen von Eike Schönfeld. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2012. 224 S., geb., 15,- [Euro]. J. D.

          Salinger: Hebt an den Dachbalken, Zimmerleute und Seymour, eine Einführung. Aus dem Englischen von Eike Schönfeld. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2012. 200 S., geb., 15,- [Euro].

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