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Rezension : Elke Heidenreich lacht in ihren Geschichten - über sich selbst

  • -Aktualisiert am

Bild: Carl Hanser Verlag

Geschichten von Elke Heidenreich: Die Autorin verführt mit einer Täuschung - sie kehrt „Der Welt den Rücken“ zu.

          Jede Zeit hat ihre „verlorene Generation“. Jene, die heute um die 50 Jahre alt sind, gehören angeblich zu so einer. Viele unter ihnen sind geblieben, was sie immer waren: Idealisten, Weltverbesserer, Konsumverzichtler, Nirgendwo-Angekommene und letztlich vor allem die Versager in unserer Konkurrenzgesellschaft.

          Zu jung waren sie, um mit der Riege der 68er Karriere zu machen als Theaterguru, Politiker, Professor oder Gewerkschaftsboss. Zu alt, um vom Hausbesetzer zum Hausbesitzer, vom Abiturienten zum Broker zu werden. Was bleibt: Eine Patchworkbiografie, angesiedelt zwischen Sozialarbeiter, resigniertem Redakteur, Lederjacken-Opa, Bühnerbildnerin oder Ikebana-Elevin.

          Elke Heidenreich liebt solch Unverbesserliche. In ihrem Erzählband „Der Welt den Rücken“ hat sie ihnen ein bescheidenes Denkmal gesetzt. Mit großer Leidenschaft wandern ihre Figuren darin durch die Krisen ihrer Lebensmitten: sämtliche Illusionen dahin, als unlebbar haben sie sich erwiesen. Hartnäckig aber wird weiterhin an sie geglaubt. Das macht den Charme aus. Eine „verlorene Generation“ gibt nicht auf bei der Suche nach Glück.

          Parade der Idealisten

          Da ist die Protagonistin der ersten Erzählung, selbstverständlich ein „Ich“, die sich nicht wirklich mit ihrer Mutter ausgesöhnt hat. Ungeliebt und bevormundet fühlte sie sich von ihr bis zu deren Tod. Ihr Leben gerät erst in Gleichklang, als sie sich in eine Frau verliebt. Genau so erging es ihrer Mutter während des Krieges. Die Protagonistin kapiert das zu spät.

          Da ist eine Chaotin mit karrierebewusstem Sohn, die nach vielen gescheiterten Ehen endlich ihren Jugendfreund und Bob-Dylan-Fan küsst. Da sind Frauen, die sich der Unordnung und Männer, die sich dem Alkohol ergeben. Künstler ohne Engagement, Gutsituierte ohne Gleichmaß. Sämtliche gescheitert an der eigenen Selbstverwirklichung.

          Aufarbeitung des Zweiten Weltkriegs, Opposition, Antiatomkraft-Bewegung, Aids - die großen Themen einer Generation finden ihren Platz. Immer ist Elke Heidenreich auf der Seite der Verlierer. Das Buch ist ein humorvolles Plädoyer für die Unangepassten. Ganz aus dem Leben gegriffen.

          Liebe statt Krieg

          Die Sympathie der Autorin mit den Gescheiterten ist nicht ohne Finesse. Das zeigt die Titelgeschichte „Der Welt den Rücken“. Die dem Politischen verpflichtete Generation verpennt darin die beiden Schlüsselereignisse, die ihr Versagen einrahmen: Kubakrise und Fall der Mauer. Während des einen erlebt die gewiefte Protagonistin einen Urlaub mit Entjungferung, während des zweiten weckt sie in ihrem damaligen Liebhaber, den sie ein Vierteljahrhundert später wieder trifft, neues Begehren. Das Drama der „verlorenen Generation“ ist dabei auf einfache Weise zugespitzt: Das Zukunftsweisende haben sie gerade verpasst, stattdessen aber geliebt.

          Elke Heidenreich frönt der pointierten Übertreibung. Das Buch ist eine einzige Persiflage auf die Welt der Medien, der Altlinken und der sexuell Befreiten. Selbstironisch schüttet die Journalistin, Kolumnistin, Talkmasterin und Schriftstellerin dabei den Spott auf das, was ihr im Grunde selbst lieb und teuer sein müsste. Das aber hat Elke Heidenreichs Ergüsse immer schon so menschlich gemacht: Dass sie im Grunde über sich lacht. Nicht über andere.

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