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Rezension : Der Weltgeist spaziert wieder durch Berlin

  • -Aktualisiert am

Bild: Piper Verlag

Der zweite Roman „Gold“ von Ralf Bönt entlarvt die Öffentlichkeit als Glaubensgemeinschaft einer Talk-Show-Kultur

          2 Min.

          Hans Zork, Anna Plech, Lotte Müller und Dorado Tumbaga (genannt Doro) bilden zwei Paare, an deren undramatischem Leben uns Ralf Bönt teilhaben lässt. Anna schläft mit einem Prostituierten, Hans wird von Lotte verführt. Doro schläft mit Sismene, der Tochter des Vorstands, Lotte erwartet schließlich ein Kind von Doro.

          Die Handlung spielt in Berlin zwischen den Jahren 1999. In drei Kapitel verpackt Ralf Bönt diesen Zeitraum, bewegt sich darin vorwärts und rückwärts, beschreibt Aktion und Reaktion seiner Figuren. Das dritte Kapitel „Was also bleibt!“ ist ein Rückblick aus einer anderen Zeit. Es ist mittlerweile der 1. Januar 2000, das Geschehene liegt im vergangenen Jahrtausend - und dementsprechend spielt es keine Rolle mehr.

          Erzählt wird aus der Perspektive des Allgemeinen, der „Öffentlichkeit“, wie Ralf Bönt sagt. Dieses öffentliche Bewusstsein stellt er in „Gold“ als auktorialen „Wir-Erzähler“ vor. Dieses „Wir“, das sich über dem Stolz des Erreichten sogar mit seinen Schwächen brüsten kann, wählt die Romanfiguren exemplarisch aus und erfindet noch während des Erzählprozesses welche hinzu. Beweggründe und Lebensbedingungen der Menschen sind austauschbar, damit relativ uninteressant und vor allen Dingen vorhersehbar.

          In dieser Abstraktion fällt es nicht schwer, über manchen Missgriff der Hansens, Annas, Lottes oder Doros zu lachen, obwohl dahinter unsere eigene Lächerlichkeit hervortritt. „Gold“ ist wie „Icks“ ein Berlinroman, allerdings im negativen Sinn, hervorgehoben wird nicht das Lebensgefühl in einer aufstrebenden Hauptstadt, vielmehr wird die arrogante Überheblichkeit einer Gemeinschaft, die sich erst noch zu einer von Metropolenbürgern entwickeln muss, mittels Einlassungen karikiert, die „der Vorstand“ Merton ausspricht: Optimistisches Gequatsche, dem jeglicher Zweifel an seiner Rechtmäßigkeit fehlt und der genau weiß, wo es lang geht, denn überall „ragen sie oben heraus aus der Stadt, die Kräne, und zeigen uns so den Weg in unsere Zukunft.“

          Ralf Bönt persifliert unser durch die Medien bestimmtes Gemeinschaftsgefühl mit den Mitteln seiner Sprache. Er baut Sätze, deren Bestandteile kurz und einfach sind. Durch Verschachtelungen und Wiederholungen aber wird die Absurdität deutlich, an der eine medial überstrapazierte Sprache leidet. Mit gleichem Tonfall lässt sich von persönlichen Gefühlen (Eifersucht) und von Katastrophen (ein Flugzeugabsturz) reden, ohne dass einen das wirklich anrührt.

          Bönt hält so folgerichtig seine Figuren von jeder echten Gefühlserfahrung fern. Wenn einmal welche auftreten, werden sie sofort von der „Öffentlichkeit“ bagatellisiert und als unecht angesehen. Das Böntsche „Wir“ ist durch umfassendes Wissen fast stoisch in seiner alles nivellierenden Toleranz, gleichzeitig aber durch die Vielzahl der Bilder abgestumpft, unfähig zu echtem Mitleiden und Mitfühlen. Man kennt das: Das schlechte Weltgewissen beruhigt sich schnell nach dem Griff zum schon ausgefüllten Überweisungsformular, das nur noch unterschrieben werden muss.

          Wenn es im Ohr fiept, heißt das: „Jemand denkt an mich.“ Nun, nach der Lektüre von Ralf Bönts „Gold“, wissen wir: Wir sind es, die das Geräusch verursachen, wenn wir uns an geklonten Medienmenschen orientieren. Ob Politiker, Modell, Pop-Star oder Talkshowgast: Wir bestimmen vorweg, wie diese Menschen auszusehen haben und was und wie sie reden, damit sie uns glaubhaft vorkommen und wir sie in die Gemeinschaft aufnehmen können. Das Fiepen im Ohr ist nichts als der Durchzug durch den Gehörgang so vorgetragener Appelle an unseren Gemeinschaftssinn.

          Mit „Gold“ ist Ralf Bönt eine gute Medien- und Gesellschaftskritik gelungen. Als ausgewiesener Fatalist weiß er allerdings auch, dass Gesellschaftskritik heute selbst nichts als Unterhaltung ist.

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