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Rezension : Debütroman über das Glück des altklugen Kindes

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag C.H. Beck

Auch die behütetste Kindheit hat ihre dunklen Seiten. Fridolin Schley spürt ihnen in „Verloren, mein Vater“ nach.

          Peter, der junge Ich-Erzähler in Florian Schleys Debüt „Verloren, mein Vater“ erklärt das Leben. Das macht er mit viel Charme. Wie ein Kleinkind, das immer wieder „Schiff“ sagt, sobald es ein Schiff erkennen kann. Es weiß noch nicht, dass die, denen es seine Neuentdeckung zeigt, bereits wissen, um was es sich handelt. So kommt Peter in der emotionalen Sphäre der Erwachsenen an. Wo es vorher um die Entdeckung der Welt, um Streiche, Geheimnisse und Spiele ging, geht es nun um die großen Gefühle, um Tod und Leben, Liebe und Gewalt, Einsamkeit und Sex, Identität und Verantwortung.

          Mit viel literarischer Finesse spielt der junge Autor diese Entwicklungen anhand von Alltagssituationen durch. Die Hochzeit der Tante, die Beinahe-Vergewaltigung der Schwester, das Sterben der Großmutter, die erste Liebe der Mutter, die erotische Verbindung des Ich-Erzählers mit seiner Kusine zweiten Grades, die Anatomiestunden des Studienanfängers, das Verschwinden des Vaters. Letzterer wird zu einem, der „ungeklärtes, aktives Fernbleiben von der Familie“ betreibt. Seine Abwesenheit ist für den Spannungsbogen unerlässlich.

          Wie die heile Welt aus den Fugen gerät

          Trotz der väterlichen Eskapaden entwirft der Autor ein familiäres Szenario, das intakt ist. Soziale Werte werden groß geschrieben. Kranke werden in der Familie gepflegt. Aufbegehren wird toleriert. Der „Spiegel“ und die „Süddeutsche“ werden gelesen sowie Viktor Klemperers Tagebücher. An der Wand in Peters Zimmer hängt ein Bild der Scholl-Geschwister. Die Eltern verstehen die Kinder, die Kinder verstehen die Eltern. Die Eltern verstehen sich. Der Sohn macht Zivildienst, die Tochter geht zum Therapeuten. Alles ist tolerant, diskursiv, erklärbar. Je länger sich das Buch hinzieht, um so mehr wird aus dem soliden Gefüge jedoch der Terror der Korrektheit.

          Dies scheint auch dem Autor nicht verborgen geblieben zu sein, deshalb treibt er den Protagonisten ohne plausiblen Grund in einen Liebeswahn. Warum soll er plötzlich wie ein Besessener anfangen, seine Kusine zu suchen, mit der er einmal geschlafen hat und die er zufällig auf dem Münsterplatz in Freiburg wieder sieht, wo sie doch vorher und nachher auch keine Rolle spielt? Weil der Protagonist jedoch bisher allem seine altklugen Erklärungen aufdrückte, wird auch dies seine Richtigkeit haben.

          Zwanghafte Handlungen folgen

          Obwohl Fridolin Schley vieles in diesem Roman zu perfekt macht, überzeugt er mit seiner Behandlung sozialer Themen: So spürt er Vergewaltigung und Vergewaltigung im Krieg nach. Zudem bringt er die kaum untersuchten psychischen Folgen des Krieges auf die um 1940 geborenen Kinder literarisch zur Diskussion. Peters Mutter beispielsweise erträgt keine Feuerwerke, Peters Vater duckt sich unter den über ihm fliegenden Flugzeugen. Auch ist Schleys Vorliebe für den Konjunktiv zu loben. Wo die Unentschiedenheit des „würde“ eigentlich lästig ist, ist es bei einem jungen Autor nur konsequent. Zwar erklärt Peter alias Schley das Leben, aber er weiß doch, dass es - aus gelebter Sicht - durchaus auch anders sein könnte.

          Der 25-jährige Autor hat mehrere Semester lang Film und „kreatives Schreiben“ studiert. Der Aufbau des Buches sowie die Figuren profitieren davon. Dass die Betriebsanleitung des Schreibens jedoch auch zum platten Gestus werden kann, dies zeigt Schleys Debüt ebenfalls. Wie im Lehrbuch verankert, hat jeder Protagonist einen Tick. Die Schwester lacht immer dann, wenn es unangemessen ist, der Vater klaut Dinge im Hotel, Peter hat eine Pilzinfektion auf dem Kopf und kratzt sich durch die Kapitel. Dass Letzteres durchaus eine übertragbare Krankheit ist, wird der Leser bald merken. Denn trotz so viel schriftstellerischem Bravour bleibt am Ende auch Ratlosigkeit zurück.

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