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Neuer Roman von Dave Eggers : Ich bin hier der Mann mit Moral

  • -Aktualisiert am

Schreiblehrer, Verleger und Herausgeber: Dave Eggers beim Literaturfestival in Rom Bild: Abaca/face to face

Im neuen Buch von Dave Eggers liest ein amoklaufender Moralapostel Amerika die Leviten. Allerdings ist nicht nur der Titel von „Eure Väter, wo sind sie? Und die Propheten, leben sie ewig?“ zu plakativ geraten.

          3 Min.

          Die amerikanische Literatur liebt Psychos - nicht erst seit Bret Easton Ellis. Noch lieber als den wahnsinnigen Serienmörder hat sie wohl den Renegaten aus gutem Herzen, der sich nur deswegen gegen Gesetz und Gesellschaft stellt, weil er selbst alles besser weiß und machen will. Gerade erst sind wir Varianten von solchen Staatsfeinden in T. C. Boyles Roman „Hart auf hart“ begegnet. Und nun präsentiert uns Dave Eggers in seinem heute erscheinenden neuen Roman einen Moralapostel reinsten Wassers - einen, der Finger gleichzeitig in so viele amerikanische Wunden legen will, dass seine Hände dazu gar nicht ausreichen.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Thomas heißt der Mann, ist Mitte dreißig, und er entführt Menschen. Erst einen Astronauten, dann einen Kongressabgeordneten, dann seine eigene Mutter und noch weitere. Er bringt sie auf ein verlassenes Militärgelände am Pazifik, wo er sie einzeln in Baracken einsperrt und ankettet. Er will von diesen Menschen nichts - außer Antworten. Erklärungen für das, was schiefgelaufen ist, nicht nur in seinem Leben, sondern überhaupt und allgemein.

          Kein Erzähler, nur Dialoge

          Warum wurde der Astronaut, der doch, wie im Buch mehrfach betont wird, „alles richtig gemacht“ hat, um die verdiente Mission im Spaceshuttle gebracht? Warum finanziert der Staat lieber Klimaanlagen im Irak als Gesundheit und Bildung im eigenen Land? Warum kümmern sich Eltern nicht so um ihr Kind, wie sie sollten? Als „Roman“ wird das Buch bezeichnet, aber es gibt hier keinen Erzähler, nur Dialoge. Man könnte also auch von einem Theaterstück oder Drehbuch sprechen. Es herrscht Einheit von Ort, Zeit und Handlung, die Szenen werden lediglich getrennt durch die Angabe, in welcher der numerierten Baracken sie stattfinden.

          Diese totale Reduktion ist ein stellenweise effektiver Kunstgriff: Es entsteht ein gewisser Lesesog dadurch, dass man die Verletzungen an Thomas und seiner Umwelt nur durch sein bohrendes Fragespiel erfährt. Gut wird das Buch immer dann, wenn es um konkrete Verletzungen geht. Wenn sich also die verzwickte Geschichte seines Aufwachsens bei der alleinerziehenden Mutter als dramatischer Streit um die Erinnerung entpuppt, in dem wohl niemand die alleinige Wahrheit besitzt: War Thomas nun von Geburt an ein gestörter Charakter, oder hat ihn erst das unstete Leben der Mutter mit ständig wechselnden, teils kriminellen Männern dazu gemacht?

          Rassismus, Wut, Krieg

          Aufwühlend zu lesen ist auch die Episode um die Erschießung von Thomas’ bestem Freund, einem vietnamesischen Einwanderer. So unglaubwürdig es zwar ist, dass Thomas durch Zufall gerade einen der daran beteiligten Polizisten entführt, so unnachgiebig und entlarvend ist das Gespräch mit ihm über die Neigung der amerikanischen Cops zum voreiligen Gebrauch der Schusswaffe, die ein furchtbares Schlaglicht auf viele aktuelle Fälle wirft. Aber so interessant diese Debattenthemen im Einzelnen sind, so mutwillig zusammengefügt wirken sie in Eggers’ Konstruktion - für jedes neue Thema gibt sie ihm praktischerweise die Möglichkeit, einfach noch eine weitere Baracke aufzumachen, und da warten noch: Pädophilie, unerwiderte Liebe, Rassismus, Wut, Krieg.

          Dave Eggers: „Eure Väter, wo sind sie? Und die Propheten, leben sie ewig?“

          Nicht zum ersten Mal drängt sich mit diesem Buch der Eindruck auf, dass der engagierte Schreiblehrer, Verleger und Herausgeber Eggers zu viel auf einmal will. Seine Werke befeuern eine große Zeitgeistreflexionsmaschine, und die vieldiskutierte Google-Allegorie „The Circle“ im vergangenen Jahr war ein besonders gewichtiges Brikett. Aber einer der Hauptvorwürfe, nämlich dass Eggers oft zu plakativ und geheimnislos erzähle, trifft auch hier zu. Die Bibelstelle, von der das Buch seinen merkwürdigen Titel leiht, rückt Thomas in die Nähe eines mahnenden Predigers, und tatsächlich wirkt sein Sprechen oft wie ein arg pathetischer Sermon: „Finden Sie nicht, dass das Chaos auf der Welt zum weitaus größten Teil von einer relativ kleinen Gruppe enttäuschter Männer verursacht wird?“, fragt er einmal.

          Verzerrte Wahrnehmung des Protagonisten

          Immerhin schafft der Autor es noch, diesen Thomas am Ende nicht als strahlenden Inhaber der Weisheit, sondern doch wieder als Psycho hinzustellen. Eggers treibt die verzerrte Wahrnehmung seines Protagonisten auf die Spitze: „Ich bin hier der Mann mit Moral. Ich bin der Mann mit Prinzipien“ - das sagt jemand, der seinen Gefangenen Gewalt androht, sollten sie nicht so antworten, wie er will.

          Die Fragen, die Thomas stellt, sind, wie er selbst zugibt, ziemlich einfache. Man könnte auch sagen, sie sind naiv. So ein Prinzip gibt es ja manchmal auch im Journalismus oder bei Udo Lindenberg: Wozu sind Kriege da? Egal, wo man ihm begegnet: Es nervt schnell. Und nach der Lektüre von Eggers’ neuem Buch denkt man vielleicht auch anders über die pädagogische Leitmaxime, dass es keine dummen Fragen gebe.

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