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Rezension: „Das neue Leben“ : Wenn einer hielte und führte mich zum Ararat

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Die Staatsbürgerschaft der Poesie: Der junge türkische Schriftsteller Orhan Pamuk zeigt Europa, was Erzählen heißt.

          Das letzte, was wir von einem Roman erwarten, ist die Wahrheit. Am allerwenigsten erwartet man sie von einem Werk, das so beginnt: "Eines Tages las ich ein Buch, und mein ganzes Leben veränderte sich." So alt wirkt dieser Satz, so abgenutzt, so heruntergekommen auf seinem langen Weg von Augustinus über Novalis bis zu Michael Ende, daß man ihm bestenfalls etwas sinnlos Bemühtes und Spielerisches zutraut. Doch in diesem Werk ist alles anders. "Das neue Leben", der jüngste Roman des türkischen Schriftstellers Orhan Pamuk, mag sich nicht an die Tatsachen halten. Aber er erzählt lauter Wahrheiten.

          Osman - ein junger Mann aus Istanbul, der nicht zufällig so heißt - liest ein Buch. Der Leser weiß nicht, was Osman in diesem Buch liest, und es spielt auch lange Zeit keine Rolle. Aber der Schnitt ist gezogen, einer muß sein Leben ändern. Der junge Mann, ein ganz gewöhnlicher Student des Ingenieurwesens, verläßt die kleine Wohnung, die er mit seiner Mutter teilt, und wo, wie in allen Nachbarwohnungen auch, der Fernseher zum Abendessen läuft. Er kehrt seinem Viertel mit dem bescheidenen Wohlstand den Rücken. Er gibt das Studium auf. Ergriffen von einer wehmütigen Schwärmerei, betört von der Hoffnung, das geliebte Mädchen wiederzusehen, besteigt er einen Bus, halb Detektiv und halb Pilger.

          Er nimmt auf einem der hinteren Sitze Platz und dämmert durch das Land, begleitet von gewöhnlichen Reisenden mit gewöhnlichen Anliegen. Durch seine halbgeschlossenen Lider sieht er die Steppe, die von den schielenden Schweinwerfern des Busses beleuchtet wird, sieht Strommasten, Lastwagen und die schwarzblaue Nacht. Dann besteigt er einen anderen Bus, irgendeinen. Und einen dritten, vierten und fünften, jeden Tag zwei oder drei. Immer weiter gerät er in den armen, tief in seinen Traditionen verwurzelten Orient. Das Buch hat ihn aus dem Abendland vertrieben.

          Orhan Pamuk, 1952 geboren und in Istanbul aufgewachsen, erzählt die Geschichte einer Wiedergeburt. Sie enthält nicht einen politischen Satz. Und doch ist sie voller Politik. Je weiter der Student den zivilisierten Westen hinter sich läßt, je abgelegener die Orte werden, desto tiefer scheint der Held in ein ursprüngliches Land vorzudringen. Aber lange noch bemerkt er die Neonschriften, die den Namen von Oberschulen verkünden, oder die alten Villen, die nun "Palasthotel Frohsinn" oder "Palasthotel Komfort" heißen. Er spürt den Waren der Vergangenheit nach, er bemerkt, wo die westlichen Limonaden noch nicht den türkischen Sprudel verdrängt haben, wo die Männer das alte "OPA"-Rasierwasser benutzen und wo die wollenen Handschuhe einen Filzeinsatz auf der Handfläche tragen. Die Aufmerksamkeit, die der junge Mann den kleinen Dingen zuwendet, gleicht dem Spürsinn, mit dem die islamischen Fundamentalisten jeden westlichen Markenartikel als Zeichen einer atheistischen Kulturrevolution verfolgen. Die wahre Wiedergeburt des Helden wäre das Wunder einer zurückgekehrten alten Welt.

          Und so rollt der Bus, das Fahrzeug des armen Mannes, das jeden Winkel dieses großen Landes erreicht und ohne das auch die islamische Revolution ihre Ziele nicht erreichen könnte. Er rollt über die Heimat der Derwische, die Landstraße. Vorne, über dem Sitz des Fahrers, flimmern die Videos auf dem Bildschirm, dort wird auf amerikanisch und türkisch geliebt und gemordet, dort verschwören sich die Verbrecher und siegen die Tugendhaften. Wie ein Leitstern leuchtet dieser Apparat, und oft genug nimmt der Held in seinem Halbschlaf oder in seinen Tagträumen dieses Licht als göttliche Weisung, als engelhafte Erscheinung wahr. Orhan Pamuks "Neues Leben" ist ein Buch vom Reisen, und wie in allen "road novels" ist das Land wie eine heilige Schrift, die man ernst, aber unbefangen lesen muß, eine Lehre vom ewigen Kreislauf der Dinge. Man mag fahren, wohin man will, immer gibt es eine durchbrochene weiße Linie, die hinter dem Horizont verschwindet, und immer drehen sich die Räder des großen Automobils um sich selbst. Wenn man weit genug nach Osten reist, gerät man irgendwann in die großen Ebenen des Westens.

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