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Rezension : Christoph Peters erzählt von der Rückkehr an einen Ort, den es nicht gibt

  • -Aktualisiert am

Bild: Frankfurter Verlagsanstalt

Nach seinem fulminanten Debüt legt Christoph Peters nun 14 Erzählungen vor, deren Helden in der Fremde leben.

          3 Min.

          Die grundlegendste Forderung an einen Schriftsteller gehört sich leider nicht von selbst: nämlich, dass er schreiben können muss. Christoph Peters, der nach seinem ersten Roman nun "Kommen und gehen, manchmal bleiben", einen Band mit 14 Erzählungen vorgelegt hat, kann schreiben: Er beherrscht den Wechsel von Tonlagen und Perspektiven, er versteht es, das Erzählte kunstfertig zu verschachteln, er macht mit wenigen genauen Zügen seine Figuren lebendig.

          Das beweist auch sein neues Buch, und das allein wäre schon Grund genug für des Kritikers Lob. Aber er zeigt hier noch mehr; und indem er dies zeigt, erweist er sich als Verwandter Max Frischs.

          Mathematisch genau und schlafwandlerisch sicher

          "Biografien: 14 Spiele" könnte der vorliegende Erzählband auch heißen. Peters führt auf unterschiedlichstem Terrain Existenzformen vor, Lebensentwürfe, die er mit einer sehr eigenen Mischung aus mathematischer Genauigkeit und schlafwandlerischer Sicherheit als scheiternde erweist. Dafür ist es unerheblich, ob die jeweiligen Geschichten in Ghana angesiedelt sind oder in Frankfurt, in Israel oder am Niederrhein.

          Seine Figuren leben ihre Tage oder machen ihre Reisen zu einem allen gemeinsamen Zweck: um abermals zu enden. Der Leser bewundert die visuellen Qualitäten dieser Prosa, die Schärfe der ethnologischen Beobachtungen im Senegal und in Norddeutschland, er verfolgt von Geschichte zu Geschichte die Kunstfertigkeit des Autors - und fragt sich nach 14 Varianten, worin der verborgene Mechanismus besteht, der dazu führt, dass Peters' Figuren, einmal vom Autor mit dem erzählerischen Schlüssel aufgezogen, so unaufhaltsam auf ihren jeweiligen Abgrund zuschwanken.

          Wer sich verliebt, will sich verlieren

          Auch die Geschichten mit scheinbar versöhnlichem Schluss ("Herzbube") machen da keine Ausnahme: Wer sich hier verliebt, will sich verlieren. Peters' in diesem Buch sichtbare Vorliebe, mit vielerlei Sujets zu spielen, hat natürlich Risiken, und nicht immer gelingt es ihm, diesen Risiken zu entgehen. Manche Geschichten bleiben reine Fingerübungen (etwa "Metzinger"), in anderen hingegen schlägt Peters aus der Behandlung des fremden Stoffes erzählerischen Gewinn. Die Kargheit, mit der in "Gold im Feuer" die Verwandlung des Protagonisten gezeigt wird, erinnert an die Prägnanz, mit der Camus seinen "Fremden" schildert.

          Unaufdringliche Nähe zu Kafka

          In "Die Kirche im Dorf" scheint Kafka literarischer Referenzpunkt zu sein; die alptraumhafte Unzugänglichkeit des Gesuchten, die feindliche Stimmung der Einheimischen bilden durchaus Analogien, die aber am Ende unnötig zugespitzt erscheinen. Dennoch gelingt es Peters hier, die latente dörfliche Bereitschaft zur Gewalttat offenkundig werden zu lassen; wer die "Kirche im Dorf" lassen will, sieht darüber zumeist hinweg. Und was Kafka angeht: Peters, so scheint es, offenbart an einer kleinen, unauffälligen Stelle mehr an Verwandtschaft mit dem größten deutschschreibenden Prosa-Autor des 20. Jahrhunderts als viele explizite Nachahmer in langen Sermonen: Schwache, Verwundete, Fiebernde haben die Händler ins Meer geworfen.

          Die Händler waren Portugiesen, Holländer, Schweden, Briten, Franzosen. Die Haie wissen es noch, offenbar haben auch sie eine Art Überlieferung. Bis heute sind einige Buchten zu gefährlich zum Schwimmen. Die Überlieferung der Haie - hier findet Peters vollends zu seinem eigenen Ton, so unspektakulär wie untergründig gefährlich. Vielleicht ist es kein Zufall, dass auch die stärkste Erzählung, mit der der Autor klugerweise den Band eröffnet, nicht nur von Menschen, sondern auch von Tieren handelt; von Ameisen und Termiten, von deren Lebensläufen, die genau vorgezeichnet sind, ohne Möglichkeiten alternativen Handelns. Kafkas Karl Roßmann, vom Produktionsprozess "freigesetzt", hatte seine Lage so zusammen gefasst: "Ja, frei bin ich nun." Nichts erschien ihm wertloser.

          Die Erzählungssammlung als Konzeptalbum

          Christoph Peters hat sein Buch komponiert wie ein Rockmusiker ein Konzeptalbum: ein gelungener Einstieg, Variationen des Themas, und schließlich, als letztes Stück, eines mit geringerer Instrumentierung; statt unplugged ist die Zugabe poetologisch. Eine kleine, melancholische und doch leichthändige Erzählung über Last und Lust des Schreibens und über dessen Vergeblichkeit: Das vom Dichter beschriftete Blatt fliegt davon, landet in einem Bach, der Bach führt ins Meer, die Tinte verschwimmt. "Es ist", sagt der Prediger Salomon, "alles ganz eitel." Christoph Peters würde dem nicht widersprechen.

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