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Roman von Bernardine Evaristo : Willkommen in der Realität

Die britische Schriftstellerin und Booker-Prize Trägerin Bernardine Evaristo Bild: Getty

Großbritannien ist nicht nur weiß und hetero: Bernardine Evaristos Roman „Mädchen, Frau etc.“ erzählt Geschichten, die der Literatur noch fehlen.

          6 Min.

          Um zu wissen, wie die Realität aussieht, braucht es Zahlen und Statistiken. Zum Beispiel diese: Der Nobelpreis für Literatur wird seit über hundert Jahren vergeben, gewonnen hat ihn eine einzige schwarze Frau, Toni Morrison. Vor fast dreißig Jahren. Tja, wenn es eben keine andere gab?, ist dann gern zu hören, meist von denen, die es aufgrund von Hautfarbe und Geschlecht deutlich leichter haben im Literaturbetrieb. Der britischen Schriftstellerin Bernardine Evaristo ist viel daran gelegen, diesen Zustand zu ändern. Als eine der wenigen schwarzen Professorinnen in Großbritannien und, ganz besonders, mit ihren Büchern. In ihren neuesten Roman „Mädchen, Frau etc.“, der jetzt in deutscher Übersetzung erschienen ist, habe sie deshalb „so viele schwarze Frauen wie möglich“ hineinschreiben wollen, sagte Evaristo in einem Interview. Zwölf sind es geworden, viele davon lesbisch, eine wird sich im Verlauf der Geschichte nicht mehr als Frau identifizieren.

          Anna Vollmer
          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Bernardine Evaristo wurde 1959 in London als Tochter einer englischen Mutter und eines nigerianischen Vaters geboren. Schon in den achtziger Jahren begann sie zu schreiben, zunächst Theaterstücke, später Romane und Lyrik. Seit Jahren unterrichtet sie kreatives Schreiben an der Brunel University London. Doch obwohl „Mädchen, Frau etc.“ ihr achtes Buch ist, war sie auch in Großbritannien nicht sonderlich bekannt, bis sie 2019 den renommierten Booker Prize gewann. Nicht allein, sondern gemeinsam mit Margaret Atwood, die den Preis für „Die Zeuginnen“ bekam, was viele zu der Frage veranlasste, warum die erste schwarze Frau in der fünfzigjährigen Geschichte des Preises sich diesen nun auch noch teilen müsse. Evaristo war das egal, sagte sie in der BBC-Sendung „Desert Island Discs“: „Ich wollte diesen Preis unbedingt, und ich wäre kein bisschen glücklicher, wenn ich ihn allein bekommen hätte.“

          Viele Figuren und ein ungewöhnlicher Stil

          Zu erzählen, worum es in „Mädchen, Frau etc.“ geht, ist nicht ganz einfach, denn es geht um ziemlich viel. Der Roman ist ein breites Kaleidoskop der britischen Gesellschaft, in dem neben den zwölf Hauptfiguren auch noch eine ganze Reihe anderer Charaktere vorkommt. Jeder der zwölf Figuren ist ein eigener Abschnitt des Romans gewidmet, wobei sie in den jeweils anderen Abschnitten auch immer wieder als Nebenfiguren auftauchen. So lernt man beim Lesen nicht nur die Innensicht der Protagonistinnen kennen, sondern erfährt auch, was andere über sie denken. Was bedeutet, viele der Schlüsse, die man aus der bisherigen Erzählung gezogen hat, noch einmal geraderücken zu müssen.

          Evaristo hat ihren Stil selbst „fusion fiction“ getauft. Nur am Ende jedes Kapitels macht sie einen Punkt, die Sätze dazwischen sind durch Absätze und Kommata getrennt, manchmal auch wortweise, was an Lyrik erinnert, die es aber nicht ist. So heißt es über Dominique, eine zu diesem Zeitpunkt junge, lesbische Theatermacherin:

          „ein, zwei Mal versuchte sie es mit Jungs
          ihnen gefiel es
          sie ertrug es“

          Evaristos ungewöhnliche Art zu schreiben geht nicht auf Kosten der Lesbarkeit, im Gegenteil. Man liest eher zu schnell als zu langsam und muss aufpassen, keine der vielen Anspielungen und Ebenen zu verpassen, die der Roman zweifellos hat. Denn die zwölf individuellen Geschichten, die hier erzählt werden, funktionieren vor allem auch wegen ihres gesellschaftspolitischen Hintergrunds. In etlichen Dialogen werden die unterschiedlichen Positionen zu so ziemlich allen aktuellen Debatten verhandelt, die wir gerade so führen: Bekämpft man Rassismus, indem man auf Hautfarben achtet oder sie ignoriert? Wen schließt der Feminismus ein und wen nicht? Dürfen wir Opfer-Hierarchien aufstellen? Ist Twitter ein Mittel, um Ungehörten eine Stimme zu geben, oder führt es zu einer Banalisierung der Debatte? Angesichts der Fülle an Informationen und Denkanstößen stellt sich zugegebenermaßen an manchen Stellen ein kurzes Ermüdungsgefühl ein. Andererseits ist die Realität nun einmal komplex und anstrengend, warum also sollte ein Roman, der sie abbilden will, es nicht auch sein?

          Perspektivwechsel und viel Humor

          Abgesehen davon sorgt die Entscheidung, den Figuren jeweils einen eigenen Abschnitt zu widmen, auch dafür, dass der Roman keinesfalls so krawallig ist, wie Diskussionen zu bestimmten Themen zuweilen geführt werden. Denn durch den Einblick in die verschiedenen Figuren wird deutlich, dass deren gegenseitige Einschätzung oft auf Unkenntnis, Missverständnissen oder voreiligen Schlüssen beruht. Und dass es für viele Standpunkte eben durchaus zwei legitime Sichtweisen gibt, obwohl man vermuten kann, welche davon Evaristo selbst teilt. Trotzdem schildert sie alle Figuren mit großer Empathie und vor allem sehr viel Humor. Sogar Penelope, einer rassistischen Lehrerin, wird bis zu einem gewissen Grad Verständnis entgegengebracht, und ihre Geschichte nimmt ein versöhnliches, ja kitschiges Ende.

          Dass „Mädchen, Frau etc.“ trotz der Schwere mancher Themen kein bisschen düster, sondern wahnsinnig unterhaltsam und sehr hoffnungsfroh ist, liegt auch daran, wie scheinbar mühelos Evaristo von Komik zu Ernst wechseln kann. Einige Figuren sind maßlos überzeichnet: Nzinga, die „abstinente, vegane, nichtrauchende, radikalfeministische, separatistische Lesbe“, der ihr eigentlicher Name Cindy zu schnöde war, entpuppt sich recht schnell als so dogmatisch, wie sie klingt. Dieser Dogmatismus, mit dem sie auch denjenigen zu Leibe rückt, die schwarze Unterwäsche tragen (rassistisch), verwandelt sich bald in waschechte Unterdrückung.

          Anstrengend wird „Mädchen, Frau etc.“, wenn sein Ton weniger nach Roman als nach progressivem Uniseminar klingt und die Handlung dann doch etwas überlastet wirkt. In einer Geschichte geht es um Megan, die später zu Morgan werden wird. Obwohl sie in den neunziger Jahren geboren wurde, hat sie erstaunlicherweise bisher verpasst, „dass Feminismus gerade ein Riesending war“. Trotzdem schafft sie es, nach erfolgreicher Google-Suche im richtigen Chatroom für trans Personen zu landen, wo die hyperaufgeklärte trans Frau Bibi ihr erst mal erklärt, wie es läuft: „du siehst also, Megan, ich habe am eigenen Leib erfahren, wie Frauen benachteiligt werden, und deswegen bin ich nach meiner Transition auch Feministin geworden, intersektionale Feministin, denn es geht ja nicht nur um Gender, sondern auch um Rassifizierung, Sexualität, Klasse und andere Kategorien, mit denen wir trotzdem ganz unreflektiert leben“.

          Wenn einige dieser Passagen auch sehr lustig persifliert werden („es verstörte Megan, dass Bibi sich als Mansplainerin entpuppte“) und sicher nicht immer ganz ernst gemeint sind, merkt man ihnen doch an: Hier soll gezeigt werden, dass das Buch auf der Höhe seiner Zeit ist und gleichzeitig all diejenigen abholen und aufklären will, die von diesen Debatten bisher noch nichts gehört haben.

          Der Glaubwürdigkeit der Szenen ist das nur bedingt zuträglich, besonders weil sich diese Passagen vom Rest der Geschichte abheben. Denn zu großen Teilen ist „Mädchen, Frau etc.“ eben kein Thesenroman, der allen die Welt erklären, sondern Empathie schaffen möchte. Was man auch daran sieht, dass Megans anfängliche Unwissenheit Bibi zwar vor den Kopf stößt, aber nicht unverzeihlich ist. Gerade weil der Roman an vielen Stellen so nuanciert erzählt, wie schwierig es zuweilen sein kann mit der Kommunikation und der gegenseitigen Akzeptanz, wünschte man sich an anderer Stelle mehr Subtilität. Müssen Rollenklischees, die es ja wahrlich noch gibt, ausgerechnet dadurch illustriert werden, dass 13-jährige Mädchen gezwungen werden, Biskuittorte zu backen?

          Die Geschichte von Megan, die zu Morgan wird, ist dann berührend, wenn sie schildert, wie Megan zunehmend klarwird, dass sie sich als Frau nicht wohl fühlt, und wie kompliziert und schmerzhaft der Prozess ist, dies anerkennen und benennen zu können. Um das zu verstehen, muss man nicht auf dem neuesten Stand der Genderforschung sein, sondern einfach nur ein bisschen Empathie und Verstand mitbringen.

          Jede spricht anders

          Die Überzeugungskraft der einzelnen Figuren hat oft weniger mit deren Geschichte als mit ihrer Sprache zu tun. Tanja Handels Übersetzung ist fast immer sehr gelungen, aber Jugendsprache ist eine heikle Sache: Würde eine Gruppe junger Frauen von sich selbst tatsächlich als von den „Unverarschbaren“ sprechen? Doch so unlocker manche Formulierungen auch sind, so genial sind andere. In den besten Szenen gelingt es Evaristo, die Entwicklung ihrer Figuren in wenigen Sätzen wiederzugeben. Da ist zum Beispiel Carole, Tochter einer alleinerziehenden nigerianischen Mutter namens Bummi. Durch harte Arbeit hat sie den sozialen Aufstieg geschafft, in Oxford studiert und arbeitet nun in der Londoner Bankenwelt. Dort hat sie sich vollends assimiliert und sitzt nun Bummi in deren kleiner Küche gegenüber, um ihr, wie sie sagt, etwas mitzuteilen: „Ich habe mich verlobt, Mutter.“ Wahrscheinlich gibt es kaum bessere Sätze, um die Verstocktheit der britischen Oberschicht in wenige Worte zu packen. Dass Bummi sich darüber ärgert, „Mutter“ genannt zu werden, versteht sich deshalb von selbst.

          Nicht nur die Geschichte von Carole und Bummi ist so komplex, dass sich damit problemlos ein eigener Roman füllen ließe. Auch viele andere Figuren würde man gerne länger begleiten, als es in einem Buch, dem es um die Darstellung von Vielfalt geht, nun einmal möglich ist. Das ist nicht unbedingt ein Nachteil. Vielmehr kann man „Mädchen, Frau etc.“ auch als Einladung verstehen, mehr Geschichten zu lesen, die man so eben noch nicht gehört hat.

          Bernardine Evaristo: „Mädchen, Frau etc.“. Roman. Aus dem Englischen von Tanja Handels. Tropen Verlag, 512 Seiten, 25 Euro

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