https://www.faz.net/-gr3-veer

Rezension: Belletristik : Zyklon über der Saar

  • Aktualisiert am

Ludwig Harigs kleine Wolfskunde / Von Walter Hinck

          4 Min.

          In den "Dubliners" von James Joyce, in der Geschichte "Ein betrüblicher Fall", treibt der Bankkassierer James Duffy seinen Ordnungswahn so weit, daß er seine Bücher nicht alphabetisch oder in anderer sinnvoller Weise aufstellt, sondern von unten nach oben der Größe nach. Als einen Vetter Duffys bekennt sich Ludwig Harig in seinem neuen Roman; jegliche Unordnung sei ihm ein Greuel. Harig also nicht nur Sohn, sondern auch geistiger Nachkomme seines Vaters? Dessen Lebensalltag nach dem kleinbürgerlichen Exerzierreglement hatte er, kritisch und verstehend zugleich, in seinem ersten autobiographischen Roman "Ordnung ist das ganze Leben" (1986) beschrieben. Mit seiner eigenen willigen Unterordnung, als Hitlerjunge und Jungmann einer nationalsozialistischen Lehrerbildungsanstalt, war er im Roman "Weh dem, der aus der Reihe tanzt" (1990) ins Gericht gegangen. Ludwig Harig dennoch ein deutscher James Duffy? Ja, aber ein Ordnungsfanatiker, der das Spielen nicht verlernt hat.

          Der Titel des neuen Romans, "Wer mit den Wölfen heult, wird Wolf", kann sich kaum noch auf den Zeitraum beziehen, über den der Roman berichtet: die anderthalb Jahrzehnte zwischen 1945 und 1960. Das Eckdatum - 1960 erschien seine Übersetzung der Prosagedichte eines farbigen Dichters von den Antillen - läßt vermuten, daß es Harig bei der autobiographischen Trilogie nicht bewenden lassen will. Wie der vorhergehende ist auch der neue Band zu einem gut Teil ein Bildungsroman in Ichform.

          Die Teilung Deutschlands, die für lange Zeit alle zeitgeschichtlichen Probleme überschattete, hat ja fast in Vergessenheit geraten lassen, daß es auch eine Trennung und Wiedervereinigung im kleinen Maßstab gab. Das Saarland stand nach dem Kriege in einer Art Wirtschafts- und Zollunion mit Frankreich, und erst aufgrund der Volksabstimmung vom Oktober 1955 gliederte es sich zum 1. Januar 1957 in die Bundesrepublik Deutschland ein. Für Harigs Biographie waren die Saar-Konventionen von besonderem Gewicht.

          Neben Walter Kempowski und Peter Bichsel der dritte der bekannten Autoren, die sich vom Katheder der Schulstube in den Sattel des freien Schriftstellers schwangen, hatte sich Harig unter der nahezu klerikalen Regierung Hoffmann und ihrem Kultusminister Emil Strauss im Lehrerseminar und dann im Beruf einer streng christlichen Doktrin zu fügen: "Anstelle von Landsknechtstrommeln und Fanfaren tönten nun Kirchenglocken durch die ,pädagogische Provinz'." So sind seine Beispielfälle aus der Schulpraxis Dokumente zur Geschichte einer Erziehungspolitik, die - beispielsweise mit der Wiedereinführung der Bekenntnis- und Geschlechtertrennung - die von der Naziideologie verpesteten Schulstuben nicht lüftete, sondern mit Weihrauch füllte.

          Ins Freie stieß Harig, wenigstens vorübergehend, als Assistant d'allemand am Collège Moderne in Lyon (1949/50). Er schreibt emphatisch über diese Zeit und mit einer Rilkeschen Wendung von einem Buch, das sein "Leben verändert" habe: Antoine de Saint-Exupérys "Vol de nuit", die Geschichte vom Nachtflug und Lebenskampf im Zyklon, die Geschichte eines "Helden ohne Siegerpose". Aber man hat den Eindruck, daß er Saint-Exupéry doch wieder nur wie einen anderen Hölderlin las. Hölderlin war der Abgott des Schülers an der nationalsozialistischen Lehrerbildungsanstalt gewesen, doch hatte er dessen Verse bei vaterländischen und Totengedenk-Feiern wie Parteiparolen geplärrt. Kaum weniger schlimm, daß sich Harig noch nach dem Krieg von Josef Nadlers "Literaturgeschichte der deutschen Stämme und Landschaften" Stichworte für eine Hölderlin-Schulstunde geben ließ. Erst Max Bense löste den Hölderlin-Bann.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Brexit-Deal : Kein Tag der Entscheidung

          Auch Boris Johnson ist nicht immun gegen das, was seiner Vorgängerin Theresa May widerfahren war. Mehr als drei Jahre nach dem Referendum liegt der Austritt des Vereinigten Königreichs weiter im Nebel. Vielleicht kann das bei einem Thema von dieser Bedeutung nicht anders sein.
          Berlin regelt das Wohnen neu.

          Mietendeckel und mehr : Vermieter, hört die Signale!

          Was der rot-rot-grüne Senat in Berlin ausgeheckt hat, ist der wohl drastischste Eingriff in die deutsche Eigentumsordnung seit Jahrzehnten.

          Zukunft der Menschheit : Eine Batterie für alles!

          Mit einem Handy fing alles an, inzwischen geben Autohersteller jährlich dutzende Milliarden dafür aus: Lithium-Ionen-Akkus treiben heute zahllose Geräte an. Die größte Zeit der Batterien steht aber noch bevor.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.