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Rezension: Belletristik : Zurückgekrochen in Ruinen

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Es ist nicht jeder frei, der seiner Ketten spottet: Reinhard Jirgls Roman "Hundsnächte" / Von Lothar Müller

          7 Min.

          Im neuen Roman von Reinhard Jirgl fällt in einem Wohnzimmer der Blick durch die schimmernde Glasscheibe einer Büchervitrine. Er trifft auf die "Buchrücken von Exemplaren, die seinerzeit im-Osten jeder, der mittels Büchern fliehen u entkommen wollte, durch jene seltsamen Winkel-& Küngelzüge seiner Beziehungen zu Buchhändlern, sich zu ergattern wußte". Die Lesergeschichte der DDR, von der hier die Rede ist, gibt es erst in Bruchstücken. Eines davon stammt von dem Lyriker Durs Grünbein. Er hat beschrieben, wie er Anfang der achtziger Jahre bei der Lektüre eines aus dem Westen stammenden Taschenbuchexemplars von Elias Canettis "Masse und Macht" in den anthropologischen und ethnologischen Beschreibungen ferner Stämme und Völker immer wieder Urszenen der eigenen Gesellschaft wiedererkannte.

          Reinhard Jirgl, geboren im Jahre 1953 in Ost-Berlin und knapp zehn Jahre älter als Grünbein, hat seit Mitte der siebziger Jahre geschrieben, aber nichts veröffentlicht, solange die DDR bestand. Nach dem Fall der Mauer erschienen seine Bücher Schlag auf Schlag, und es war ihnen unschwer anzusehen, wieviel sie der als innere Ausreise betriebenen Lektüre verdankten. Kunze, Plenzdorf, Biermann oder Volker Braun spielten darin keine Rolle, wohl aber die groben und die feinen Denker der Masse und der Macht: Oswald Spengler, Ortega y Gasset und Michel Foucault. Jirgls "Schichtungsroman" mit dem Strindberg-Titel "Im offenen Meer" (1991) enthielt zahlreiche Prosaminiaturen, in denen Ernst Jüngers "Abenteuerliches Herz", Arno Schmidts "Leviathan" und immer wieder Gottfried Benns Geologie und Biologie des Ich zu schwarzen Spiegeln der DDR wurden. Höhnisch wie Benn, der den Chimären des Idealismus die Eingeweide der Leichen, dem Geist das sezierte Gehirn und der Seele das unter dem Skalpell des Pathologen zuckende Fleisch entgegenhielt, schilderte Jirgl die "entwickelte sozialistische Gesellschaft" als eine einzige große Krebsbaracke. Die Lust, mit der er gegen die Aufbau- und Fortschrittsrhetorik die Logik der Wiederkehr des Gleichen mobilisierte, muß in den Zeiten, als er für die Schublade schrieb, seine Rache an der eigenen Zukunftslosigkeit gewesen sein.

          Sein Roman "Abschied von den Feinden" (1995) war ein großer, haßerfüllter Abgesang auf die DDR, eine Verfluchung ihres Weitervegetierens und Nichtsterbenkönnens. Stimmenimitator war Jirgl auch in diesem Buch, zugleich aber gewann er seinem Haß einen eigenen Ton und eine eigene Bilderwelt ab. Kaum ein Leser wird die Schilderung eines Flächenbrandes nahe den Grenzanlagen vergessen, bei dem eine Koppel Pferde in Panik auf den Stacheldrahtverhau zugaloppiert und ein Tier von den Selbstschußanlagen nach und nach zerfetzt wird. Nicht aus den Figuren oder gar aus der ins Allegorische hinüberspielenden Handlung gewann der Roman seine innere Einheit, sondern allein aus der unangefochtenen Herrschaft des bösen Blicks. Alle sprachlichen Mittel, die Jirgl nicht ohne Anstrengung aufbot, dienten der Rückverwandlung des untergegangenen souveränen Staates DDR in eine "Zone" des Todes. Dies nicht im Sinne weltpolitischer Sektorengrenzen als "Ostzone", sondern nach dem Modell sterbender Natur als Zone des "Verschwindens" und der "Verwesung". Die Mauerspechte der Jahre 1989/90 hatten den Schutzwall dieser Zone in handliche Ruinensplitter, manche von ihnen klein wie Nuggets, verwandelt. Spätestens seit der Stalinallee waren das Bauen und Aufbauen zu Zentralmetaphern der DDR-Phraseologie geworden.

          Jirgls Roman der DDR als "Zone" irgendwo zwischen Tarkowskijs "Stalker" und David Lynchs "Eraserhead" gewann demgegenüber seine grauenhaften, widerlichen Züge vor allem daraus, daß er in der Apotheose des Zerfalls das Register wechselte. An die Stelle des Anorganisch-Steinernen, das in sich zusammenfällt oder zerbröckelt, setzte er die Selbstauflösung des Pflanzenhaften, des Organisch-Vegetativen, das in Fäulnis und Gestank vergeht. Seine "Zone" war längst nicht mehr Gegenstand politischer Analyse und Kritik, sondern nur noch eine Sphäre des Abscheus und des Ekels, die statt Hammer und Sichel das leitmotivisch wiederkehrende Aas und die Fliegen, die es umschwärmen, im Wappen trug.

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