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Rezension: Belletristik : Zurückgekrochen in Ruinen

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Doch ist der Roman insgesamt zugleich das Dokument einer Gefahr, in der sein Autor schwebt: die Balance zwischen dem Gesehenen und den Kopfgeburten zu verlieren. Ein unscheinbares Indiz dieser Gefahr ist die Länge dieses Buches; es hat zweihundert Seiten mehr als sein Vorgänger, ohne ihm doch substantiell Neues hinzuzufügen. "Ekel und Abscheu nähren sich von jedem Stoff." Mit diesem Grundsatz häuft und steigert Jirgl, was stets schon im Zentrum seiner Poetik der Verwesung stand. Er treibt die Auslöschung aller Illusionen der Liebe durch die Bilder von Sperma, Schweiß und Schleim über das Exerzitium der Monotonie hinaus bis in die Regionen der Kinderschändung. Ging noch im "Abschied von den Feinden" der Rückgriff auf die barock-katholischen gemarterten Körper wie von ungefähr aus dem Kirchgang katholischer Flüchtlinge aus dem Sudetenland hervor, so inszeniert er nun den Tod des allegorischen Stasi-"Feisten" als blutige Kreuzigungsszene im auftrumpfenden Format der Historienmalerei von einst. Um so mehr fällt auf, wie wenig Jirgl vom gegenwärtigen Berlin sieht. Er läßt eine der Figuren im Regen durch die Stadt treiben und klammert sich dabei an Rimbauds "Trunkenes Schiff". En passant schimpft er auf die Touristen am Prenzlauer Berg und deutet einige verfallende Mietshäuser oder "heiße Abrisse" an - das aktuelle Gemisch aus Alt und Neu gerät ihm nur schemenhaft in den Blick. Wie mit der Klischeemaschine heruntergespult wirken stellenweise die Hohnbilder der dumpf vor RTL und Sat 1 vegetierenden Massen und der ewig unbefriedigten Hausfrauen. Dieser Roman hat einen geringeren Verdichtungsgrad als sein Vorgänger.

Hier schreibt einer, der sich seiner Mittel gewiß ist. Zu ihnen gehören die Regeln einer selbstgemachten Orthographie und Interpunktion: "-! Keiner betritt noch 1 Mal diese Ruine." Die Obsession, der Jirgl in seiner pedantisch durchkonstruierten privatsprachlichen Ordnung folgt, dürfte mehr sein als nur ein Modernitätssignal oder eine Reverenz an Arno Schmidt. An ihrem Ursprung darf man den unbändigen Wunsch suchen, sich in Rivalität mit der Sprache der DDR zu einem absoluten Souverän im Reich der Schrift aufzuschwingen. Jirgls Abkürzungen, Chiffren und "Leids-Ordner" sind ein Zerrspiegel der bürokratischen Wucherungen in der verblassenden DDR-Phraseologie. Sie brachte ja nicht nur den alltäglichen Surrealismus der "Fischfrikadelle Sigmund Jähn" und des "Schnitzels Völkerfreundschaft" hervor, über die die Transitreisenden lächelten. Es gab auch die Kürzelungeheuer vom Schlage des "OdF"-Platzes, mit dem die Opfer des Faschismus geehrt werden sollten. Mit dem Untergang der DDR ist Jirgl ein Echoraum abhanden gekommen, über dessen Fehlen die enzyklopädische Wut, mit der er vom "Sünden-Phall" zum "hypocritical korrekten ?Betroffenheits-Kockteil" eilt, nicht hinwegtäuschen kann. Die Ausbeute an Klangspielen und finsteren Kalauern ist beträchtlich. Unübersehbar aber zugleich das drohende Verschwinden in der schlechten Unendlichkeit des Virtuosen, der gnadenlos alles macht, was er kann.

Die Literaturkritik hat Jirgl gelegentlich als expressionistischen Tragiker und Weltverfinsterer gegen seine ironisch-gutgelaunten Kollegen im Westen ausgespielt. Es ist aber fraglich, ob ihm einen Gefallen tut, wer seiner Einkapselung in das selbstgeschaffene Universum applaudiert. Sein neues Buch handelt nicht nur vom Ekel. Es hat die Unfreiheit gegenüber dem Gegenstand, die jedem Ekel innewohnt, als selbstzerstörerische Kraft in sich aufgenommen. So fehlt in den "Hundsnächten" dem allgegenwärtigen Brechreiz der Widerstand seines feindlichen Bruders: des unwiderstehlichen, befreienden Gelächters.

Reinhard Jirgl: "Hundsnächte". Roman. Hanser Verlag, München 1997. 522 S., geb., 49,80 DM.

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