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Rezension: Belletristik : Zurückgekrochen in Ruinen

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In seinem neuen Roman hat Jirgl dort weitergeschrieben, wo er in "Abschied von den Feinden" aufgehört hatte: im ehemaligen Grenzgebiet, in einem Dorf, das schon zu DDR-Zeiten zwangsevakuiert worden und dem Verfall preisgegeben war. Hier läßt er nun - "im siebten = dem Bösen Jahr der Ehe mit einer Leiche" - eine Abrißkolonne antreten, die mit Bulldozern und Planierraupen die schon halb in die Pflanzenwelt zurückgesunkenen Restgemäuer endgültig abräumen soll. Dort, wo einst der Todesstreifen war, soll ein Radweg angelegt werden: "von Lübeck bis runter nach Hof. Und das - Ganze heißt dann auch noch Lebensstreifen.!" Jirgl hat seinen Roman als exakte Umkehr dieses idyllischen Projekts angelegt: Statt die Überreste der DDR im Freizeitpark des allerneuesten Deutschland aufgehen zu lassen, holt er den Westen in jene "Zone" des toten Lebens hinein, als die er die DDR immer schon beschrieben hat. Das Abrißkommando, das zum besseren Verständnis auch "Fremdenlegion" heißt, wird aufgehalten: Eine der Figuren aus "Abschied von den Feinden" vegetiert noch als "Toter, der nicht sterben kann", in den Ruinen. In den Hohlraum der nächtlichen Frist, die bis zur Räumung noch bleibt, zitiert Jirgl sein angestammtes Personal aus Untoten hinein. Und dann erhöht er, wie der Titel "Hundsnächte" anzeigt, den Wärmegrad, um den Prozeß der Verwesung zu beschleunigen. Zu den Hitzewellen jeder Hundstage gehören die Hundstagsfliegen, von denen der Volksmund spricht. Sie umschwirren den nach der Wende deklassierten Ingenieur, der in der "Fremdenlegion" Dienst tut und sich dem Ruinenbewohner zugesellt, um ihn vor dem Planiertwerden zu bewahren; sie umschwirren die Frau eines Selbstmörders, der an seiner Aufsässigkeit gegenüber dubiosen Geschäften der DDR zugrunde ging, die als Hure in Berlin arbeitet; sie umschwirren den "Feisten", der als zynisch-lebendige Leiche der Stasi die wenigen Handlungsfäden in diesem Buch zieht.

Der erste Paragraph im Grundgesetz der Jirgl-Welt lautet: Niemand kann der Zone entkommen. Er trägt den Zusatz: Dies gilt auch für Ausreisende. In der Diktion des Romans liest sich das so: "auch Sie, Lieberfroint & Wurzellos im Westen, auch Sie bleiben 1 Zoni auf Lebenszeit." Die Wende war für Jirgl keine Zäsur. Sie war lediglich eine "Zeichenwende": die Modernisierung der "Zone" unter den Spruchbändern einer neuen Aufbaurhetorik, das Aufschminken einer Leiche mit westlicher Kosmetik. Dem Ausfall gegen die innere Opposition der DDR, den er dem ehemaligen Stasi-Agenten in den Mund legt, steht der Roman insgesamt nicht allzu fern: "Wohnstube Rotwein & Quatschquatschquatsch von der-Besserenwelt bis euch 1 abging - : ihr Hilfsschüler, Sitzenbleiber, Hallelujaklampfer & zugelallten Medea-Spinner: Nicht trotz sondern !wegen euch gabs & gibts solche Typen wie mich". Die einzigen Helden, die Jirgls Roman als solche gelten läßt, sind die Renitenten, die Arbeitsverweigerer und jene Störenfriede, die nicht eines Flugblattes wegen, sondern als "Rowdys" in Bautzen landeten. Ihr Loblied läßt er wiederum von der Stasi singen: "Typen wegschaffen, nach denen kein Hahn & kein Politmagazin krähte, aber! die waren wirklich gefährlich für uns, waren die tiefen Risse im Fundament".

Wieder steht Jirgl im Wettstreit mit der bildenden Kunst, mit Goya, Francis Bacon und den sich wie im Angstschauer zusammenziehenden Häuserwänden des Expressionismus. Wieder gelingen ihm beklemmende Darstellungen der Ausweglosigkeit: Einer erinnert sich zwanghaft daran, wie er als Kind mit seinem Fahrrad eine schwerverletzte Taube noch einmal überfuhr, die die Räder eines Armeelastwagens zurückgelassen hatten; das Eingeschlossensein in der Ruine ist überblendet mit der Heraufkunft von Bildern eines Schuljungen, der im Kabuff des Schulgebäudes seiner herannahenden Entdeckung und Bestrafung harrt.

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