https://www.faz.net/-gr3-6qbjb

Rezension: Belletristik : Zitronenfalter in der Kühlbox

  • Aktualisiert am

Ausgesprochen feinfühlig: Auch Peter Horst Neumann dichtet

          Wie gut, daß es noch Autoren gibt, die nicht gleich jedes lyrische Pflänzchen auf den Wochenmarkt tragen. Viel Papier hätte gespart, mancher Fehlstart vermieden werden können, wenn sich der Gedichteschreiber nicht gleich für einen Rainer Maria Rilke gehalten hätte oder für einen Gottfried Benn, für den bekanntlich auch große Dichter seiner Zeit nicht mehr "als sechs bis acht vollendete Gedichte hinterlassen" haben. Und wie schrieb Ernst Robert Curtius an Benn? "Ach, diese jungen Leute, sie sind wie die Vögel, im Frühling singen sie, und im Sommer sind sie dann schon wieder still."

          Einer, der bis zum Herbst mit seiner ersten größeren Gedichtsammlung gewartet hat, ist Peter Horst Neumann, Professor für Literaturgeschichte und Verfasser subtiler Studien zur Lyrik Bertolt Brechts, Paul Celans oder Günter Eichs. Aber wenn man in Analogie zum "Professorenroman" vom "Professorengedicht" sprechen wollte - in Peter Horst Neumanns Sammlung "Pfingsten in Babylon" findet sich keines. Auch kein Benn-, Brecht-, Celan- oder Eich-Epigone begegnet uns hier.

          Verstreut und zum Bändchen zusammengeheftet, haben Gedichte von Neumann schon früher die Öffentlichkeit erreicht. Im Frühjahr wurde ihm der Eichendorff-Preis verliehen. Der jetzt erschienene Band liefert eine schöne Rechtfertigung nach. Im übrigen schlägt der Preis eine Brücke zur Biographie. In der Stadt Neisse/Oberschlesien, in der Eichendorff sein Grab fand, stand Peter Horst Neumanns Wiege. So beschwört das Gedichtquartett "Nach Neisse" wieder das "Singen" von "Eichendorffs Lerche". Zur Schuhmacherwerkstatt des schlesischen Mystikers Jakob Böhme trägt den Nachgeborenen der "Pilgerschuh" ("In Görlitz").

          Es sind freilich keine Vulkanausbrüche der Sturm-und Drang-Periode mehr, die hier ihren Widerschein finden, sondern die Wahrnehmungen und der Reflexionshorizont eines kultivierten Lebens, bei hoher Empfindlichkeit für Übergänge und Zwischentöne. Den Grad der Gelassenheit, mit der auf den lyrisch prägnanten Augenblick gewartet wird, umschreibt im Kurzgedicht "Wanderlied" der Rat an einen "gehbehinderten" Freund: "Bleib stehen. / Es kommt / auf dich zu."

          Ihren Niederschlag finden natürlich auch literarische Begegnungen: mit Kleist, Kafka oder Eich. Aber kein Bildungswissen trumpft hier auf. Aus Zurückhaltung verschwiegen werden die Namen der Freunde Paul Celan und Peter Szondi im Gedicht "Andenken". Wo der Literatur Altäre errichtet werden, meldet sich der skeptische Ironiker, so im Gedicht "Schwester Laurentia, Buchhändlerin": "Zur Frühmesse / täglich und einmal / im Kirchenjahr / Frankfurt. // Der Sintflut / den Wasserstand / messen. // Dort schwimmt sie / von Stand zu Stand."

          Einen originellen Blick auf die Sintflut gewährt das "Sisyphus"-Gedicht. Zum "Freudentag" wurde die Sintflut für die Fische: "ihnen / gehörte die Welt"; und der Stein des Sisyphus "wog" im Wasser "leicht". Die Verschränkung der biblischen und der mythischen Geschichte ermöglicht neue Annäherungen an alte Überlieferungen, so auch die Kombination der Geschichte von Moses' zorniger Zerschmetterung der Gesetzestafeln beim Anblick des Goldenen Kalbs und des Motivs vom Turmbau zu Babel. "Das Wunschfest / der einen Sprache" führte ins Schweigen, wir tragen noch am Erbe: am "gebrochenen Wort", an den gespaltenen Zungen.

          Nicht blind geworden ist der Spätzeit-Lyriker für die kleinen "Fundsachen" des Alltags, für das in der Jackentasche vergessene, gekeimte Maiskorn oder den das Gefrieren in der Kühlbox überlebenden Zitronenfalter, nicht taub für das "mit den Füßen gesungene Lied" der Grille. "Laß deine Hand / zum Guten mich erschrecken", wünscht beim Erwachen aus seinem "schwarzen Traum" der Liebende. Was im Band "Pfingsten in Babylon" zu entdecken ist, sind lyrische Gesten der Klugheit, der Freundlichkeit, der sensiblen Beobachtung - und der Wachsamkeit gegen allzuviel Gleichmut: "WENN WIR / in Drachenblut / baden, // ein Lindenblatt / soll uns / gnädig sein, // daß wir / verwundbar / bleiben." WALTER HINCK

          Peter Horst Neumann: "Pfingsten in Babylon". Gedichte. Residenz Verlag, Salzburg und Wien 1996. 116 S., geb., 38,- DM.

          Weitere Themen

          Das Ganze kommt mir sehr englisch vor

          Regisseur Stephen Frears : Das Ganze kommt mir sehr englisch vor

          Stephen Frears hat die Serie „A Very English Scandal“ gedreht. In ihr spielt Hugh Grant eine tragische Figur: einen liberalen Politiker, der seine Homosexualität geheim halten wollte. Es kommt zum Skandal. Was sagt uns das heute?

          Topmeldungen

          Rechtsextreme Netzwerke : Wie stoppt man den Hass?

          Rechtsextreme Netzwerke stiften im Internet immer wieder zu blutigen Taten an. In einer neuen Studie untersuchen Physiker die Dynamiken des Hasses – und entwickeln vier Strategien dagegen.
          Justin Trudeau im September in Truro

          Wahlkampf in Kanada : Der Politik-Star stellt sich den Wählern

          Ende Oktober wird in Kanada gewählt. Premierminister Justin Trudeau, der seiner liberalen Partei vor vier Jahren einen Rekordsieg einbrachte, führt einen Wahlkampf mit Startschwierigkeiten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.