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Rezension: Belletristik : Zahnpflege in Botswana

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Weitgereist: Norman Rush plaudert aus dem Entwicklungsdienst

          2 Min.

          Einige Jahre lang arbeitete Norman Rush als Entwicklungshelfer in Afrika. Die Eindrücke von Hitze, Frust und Langeweile, auch die Gewißheit zerfallener Hoffnungen und der Sinn für die Komik "zivilisierter" Lebensformen müssen sich in jener Zeit verfestigt haben. Kaum anders mag man erklären, daß seine Erzählungen sich gerade dem Land Botswana zuwenden: seiner Armut, seiner Dürre und seinem hauptstädtischen Bevölkerungsgemisch von Entwicklungsexperten, einreisenden Buren, schwarzen Emporkömmlingen, tüchtigen Marktweibern und heimlich murrenden Dienstboten. Aus Washington dringt hierher einmal die Anweisung, es dürfe nicht mehr von den "Armen", sondern nur noch von den "Prä-Reichen" gesprochen werden. Rush liebt solche ironischen Schlaglichter. Sie lassen Kennerschaft und Einfühlungsvermögen hervortreten, auch jene Dialektik beobachtender Reflexion, in der eigene Lebenssicherheiten bizarr und fremd erscheinen.

          Erinnerungen an amerikanische Politclownerien unterstreichen die verstörende Wucht von Erfahrungen, denen sich das schwitzende Häuflein von Sozialtechnologen und Hygieneexperten ausgesetzt fühlt. Schon in seinem Roman "Die Maßnahme" (deutsch 1995; siehe F.A.Z. vom 20. Januar 1996) hatte Rush jene Ethnologin auftreten lassen, die ihr in Stanford gehegtes Weltbild allmählich revidieren muß, ihr Forschungsprojekt in momentaner Hellsicht nun als "Voyeurismus" begreift und sich zu dem Geständnis hinreißen läßt: "Jedenfalls kriegte ich absolut nichts heraus." Wie soll man auch den Zusammenhang zwischen Fruchtbarkeit und urtümlicher Ernährung erkunden, wenn die widerwilligen Probanden selbst in den entlegensten Gegenden längst auf Kartoffelchips, Cornflakes und Bier erpicht sind? Oder was geschieht mit jenem "hyperchristlichen" sanften Hünen, der die afrikanischen Prügelstrafen verabscheut und doch derart rabiate Mittel wider die Kriminalität irgendwie wirkungsvoller findet als "strafmilderndes Gefeilsche" oder resozialisierende "Kurse in Korbflechten"?

          Rushs Protagonisten verwickeln sich in rätselhafte Geschehnisse oder in die eigene Hilflosigkeit, oftmals Kehrseite jener Nervosität und jenes Tatendrangs, die Barrieren aus Mißverständnissen entstehen lassen. Ein Angestellter des auswärtigen Dienstes geht fast zugrunde an dem allnächtlichen Hundegebell. Der fatale Anlaß legt mancherlei Komplikationen seines Ehelebens frei. Als er sich schließlich verzweifelt einem einheimischen Zauberer anvertraut, entpuppt sich dieser als raffinierter Betrüger.

          Voller Spannungen präsentiert sich vor allem das Verhältnis der Figuren zum eigenen Körper und zur Sexualität. Die lässigen Körperhaltungen der schwarzen Männer, die anscheinend laszive Weiblichkeit der schwarzen Schulmädchen oder die selbstverständliche erotische Abenteuerlust einer schönen Nachbarin kontrastieren mit der westlichen Verkrampftheit, dem uneingestandenen Puritanismus und der lächerlich wirkenden Sorgfalt, mit denen Probleme der Diätetik und der projektmäßig zu organisierenden Zahnpflege besprochen werden. Auf Schlimmeres verweist ein anderes Phänomen, dem Rushs besonderer Ingrimm gilt. Die in ihren Traditionen verunsicherte afrikanische Gesellschaft droht einem christlichen Fundamentalismus anheimzufallen, der finanzielle Potenz in Bevormundung verwandelt: "Hier in Afrika waren neun Zehntel der Frequenzen von Cockney-Erweckungspredigern belegt." Rush zeichnet ein giftiges Porträt jener Gottesdiener und einer "Religion auf Amoklauf", die an den Fanatismus des Beiruter Bürgerkriegs erinnern soll.

          Weil Rush viel gesehen und vieles genau gesehen hat, weil er seine Vorurteile im Spiel der Figuren auf eine gefährliche Probe stellt und weil er sein Entsetzen nicht proklamiert, sondern meistens in sarkastischem Humor verhüllt, vermögen diese Erzählungen den Leser in ihren Bann zu ziehen. Sie empfehlen sich dabei als ergänzende Lektüre zu mancherlei stupiden Verlautbarungen der Entwicklungspolitik.

          Übrigens: Der Verlag versichert zu unser aller Erleichterung ausdrücklich, daß das Lesebändchen "aus 100 Prozent ungefärbter und ungebleichter Baumwolle" besteht. WILHELM KÜHLMANN

          Norman Rush: "Weiße oder Allein in Afrika". Erzählungen. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Sabine Hedinger. Verlag Rogner & Bernhard bei Zweitausendeins, Hamburg 1996. 222 S., geb., 25,- DM.

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