https://www.faz.net/-gr3-2del

Rezension: Belletristik : Zähne knacken wie Ostereier

  • Aktualisiert am

Ironisches Nationalepos der Polen: Juliusz Slowackis "Beniowski"

          4 Min.

          Es gibt eine europäische Nationalliteratur, in deren Zentrum die patriotische Literaturpolitik des neunzehnten Jahrhunderts allen Ernstes und mit einigem Erfolg ein Epos gestellt hat. Es ist die polnische und das romantische Epos, das in ihr den Platz des "Faust" oder des "Hamlet" einnimmt, ist Adam Mickiewiczs Versroman "Pan Tadeusz". In den letzten Monaten füllten sich die Kinos in Warschau, Krakau und Danzig allabendlich bis auf den letzten Platz mit Zuschauern, die Andrzej Wajdas Verfilmung des "Pan Tadeusz" sehen wollen, ein merkwürdiges opernhaftes Filmunternehmen, in dem historisch gekleidete Starschauspieler vor grandiosen Landschaften Verse sprechen: Man muss es sich ein bisschen so vorstellen, als hätte Volker Schlöndorff Goethes "Hermann und Dorothea" verfilmt und jeder Bundesbürger sich den Film mindestens einmal angesehen.

          Nun könnte man dieses bemerkenswerte Nachleben einer untergegangenen Form einerseits auf die verunsicherte Identität eines jahrhundertelang geteilten und gedemütigten Landes zurückführen. In ihrer Not der Selbstdarstellung, so könnte es scheinen, hat die polnische Nation zu den schwersten verfügbaren Zeichen gegriffen. Doch kann diese literatursoziologische Überlegung nicht erklären, mit welcher Kraft Mickiewiczs "Pan Tadeusz" auch moderne Leser oder Filmzuschauer zu rühren vermag, wie schön und zwingend dieser Versroman sich auch in den zwangsläufig kompromittierenden Übersetzungen liest und welches vitale Nachleben er - zumindest in Polen - zu führen im Stande ist. Mickiewiczs "Pan Tadeusz" ist eine empirische Widerlegung gattungspoetischer Grundgesetze, die im Westen von Hegel, von Georg Lukács und von Jorge Luis Borges für unumstößlich gehalten worden sind.

          Freilich hat Adam Mickiewicz, der Dichterheros der polnischen Nation, durchaus auch der mystischen Züge nicht entbehrt. Und der Preis, den auch ein großer und ausnahmehafter literarischer Ehrgeiz für die Wiederbelebung einer antiken Form in der Moderne dann eben doch entrichten muss, wird spätestens deutlich über der Lektüre des zweiten definitiven Versepos der polnischen Romantik, Juliusz Slowackis "Beniowski", einer Versdichtung, die die polnische Bibliothek Suhrkamp nun in einer Übersetzung vorlegt, die Hans-Peter Hoelscher-Obermaier mehr als eine schlaflose Nacht bereitet haben muss. Jener Preis ist die romantische Ironie. Juliusz Slowacki (1809 bis 1849), dessen Emigrantenschicksal dem Mickiewiczs bis in Details gleicht, steht seinem großen Rivalen literarisch etwa in dem Verhältnis gegenüber, das Jean Pauls Abstand zu Goethe markiert.

          Nicht die idyllische Sehnsucht nach einem idealen Ausgangspunkt vor der politischen Katastrophe wie in Mickiewiczs Hauptwerk ist die Atmosphäre des "Beniowski". Slowackis Verdichtung ist auf einen aufsässig-ironischen, parodistischen Ton gestimmt. Die ersten fünf Gesänge des eigentlich viel umfangreicher angelegten Buchs sind der kuriose und nur durch die Konstellationen der polnischen Romantik ermöglichte Sonderfall eines frühmodernistischen Epos. Modernistisch ist schon die aus der komischen Literatur stammende Technik der endlosen Abschweifung. Wie Laurence Sternes Tristam Shandy mit seiner Erzählung der basics seitenlang nicht zu Rande kommt, wie seinem Erzähler in den entscheidendsten und rührendsten Momenten die triviale Wirklichkeit (have you wound the clock?) dazwischenfunkt, so verwandelt sich auch der epische Atemzug des "Beniowski" in ein kurzatmig-komisches Schnaufen, weil der Epiker sich aufs Kunstvollste nicht zwischen dem Wald und den Bäumen entscheiden kann und so virtuos vom Hölzchen auf Stöckchen kommt, dass er - auch dies ein modernistischer Zug - in der Beschreibung des Kleinsten und Abwegigsten seinen eigentlichen Gegenstand findet. Die Haupt- und Staatsaktionen des Helden lassen uns meistens kalt. Im Gedächtnis dagegen bleiben Stellen wie diese: "Als knackten Perlen gegen Diamant / Gleich Ostereiern beim Zusammenprall / So knackten ihre Zähnchen aus Kristall."

          Weitere Themen

          Keine Anklage gegen RTL-Team

          Punkt-12-Bericht zu Pädophilie : Keine Anklage gegen RTL-Team

          Männer prügeln auf einen Unschuldigen ein, den sie versehentlich für einen Pädophilen aus einem „Punkt 12“- Beitrag halten: Dass RTL-Journalisten dafür Verantwortung zuzuweisen sei, hat ein Gericht nun verneint.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.