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Rezension: Belletristik : Wunder mit Weihwasserpipeline

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Appetitanreger: Gerhard Polt serviert nicht nur Schweinebraten

          2 Min.

          "Der neue große dicke Polt", so annonciert der Verlag. Er meint das Buch, nicht seinen Verfasser. "Groß" beziehen wir gern auf den Kabarettisten, Schriftsteller und Schauspieler Gerhard Polt. Aber neu und dick? Es handelt sich - wie bei "Da schau her" (1984) und "Ja mei" (1987) - um einen dicken Sammelband mit Texten, Geschichten und Sketchen, entstanden seit 1988, bei vielen Auftritten präsentiert - und zumeist auch gedruckt. "Neu" ist also die Zusammenstellung, und da müssen die Texte zeigen, ob sie die Hochform des Akteurs in die Buchform hinüberretten.

          Das tun nicht alle. Doch wer Gerhard Polt je hörte oder sah, nimmt die Texte als Partitur und ergänzt: Dann hat er den grantig-maulenden Sound, die böse Hintersinnigkeit, die Subversion, die aus der bajuwarischen Maske tönt. Alles täuschend wie im wirklichen Leben: der Polt- als ein V-Effekt.

          Er basiert darauf, daß Polt die Differenz von Unter- und Übertreibung mit Fleiß ignoriert. Alles ist ebenso möglich wie unmöglich. Daß man in einem kleinen, auf Zuwachsraten erpichten bayrischen Bad als Skulptur eine bronzene Benzinpumpe aufstellt - zum Andenken an einen kurzen Aufenthalt des Motorrad fahrenden Franz Josef Strauß - ist zwar absurd, aber nicht total unwahrscheinlich. Und wer will bestreiten, daß man einen Wallfahrtsort bis ins Detail planen kann und das noch fehlende Marienwunder dazu. Doch gehört auch die Weihwasserpipeline in einem anderen Text zu solchen satirischen "Future Realities"? Sie bezeugt weniger Polts antikatholischen Affekt als seinen Horror vor der bloßen Machbarkeit und vor der praktischen Heuchelei.

          Polt kennt das Problem, daß die Realität jede Satire überholt. In "Pyrodorm 2000" zum Beispiel geht es um einen "Sterbeschutzbrief" als "Servicepaket": "Sie können europaweit sterben, von Stockholm bis Palermo, und kommen innerhalb von 48 Stunden an, voll beschriftet, mit Papieren und allem . . ." Makaber - oder vermarktbar? Nur der Kontext garantiert, daß es sich um eine Satire handelt.

          Das erklärt die schärferen Töne in den anderen Sachen. So im Monolog eines "NS-Sammlers", der zum Fasching als SA-Mann geht und sich zu wundern vorgibt: "Aber ab und zu eckt man noch an, net wahr?" Auf Betroffenheit und Engagement zielen die Szenen gegen Fußballrowdytum und Ausländerhaß. Nur kann Polt dort die Wirklichkeit allenfalls einholen, aber nicht überbieten. Bleibt also das Groteske. Die Titelstory "Menschenfresser" handelt von einem kulinarischen Erlebnistrip, der nach dem Verzehr von "Termitenravioli" in einem Mahl bei den "Man Eatern" gipfelt.

          Wem noch Appetit bleibt, der lese das schöne Interview mit dem Titel "Ein saftiges Lehrstück". Da bekennt Polt seine Neigung zum Bodenständigen und Provinziellen, seine Liebe zu den alten Gasthäusern, zur bayrischen Küche und speziell zum Schweinebraten. Der freilich sei selten geworden, man könne ihn nicht nach Rezepten machen. "Nur aus dem Buch heraus", sagt er, "das ist zu theoretisch. Ohne Erfahrungswerte, ohne selber einen tradierten Schweinebraten probiert zu haben, geht's nicht." Wer Gerhard Polt selbst erlebt und genossen hat, weiß die Lehre zu fassen. Das Buch macht ihm Appetit aufs Original. HARALD HARTUNG

          Gerhard Polt: "Menschenfresser und andere Delikatessen". Einige mit Hanns Christian Müller. Mit Zeichnungen von Reiner Zimnik. Haffmanns Verlag, Zürich 1997. 240 S., geb., 36,- DM.

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