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Rezension: Belletristik : Woran man Beamte erkennt

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Immer an der Hand lang: Matthias Robolds neues Universum

          In Kapitel 32 wird es endlich spannend. Albert Inbal, Finanzverwalter und Abgeordneter des Galaktischen Rats, hat ein Attentat überlebt. "Wie durch ein Wunder!" Genau gesagt, ist er noch nicht tot. Nicht so tot wie seine Frau, die von den Lasersalven des Killers getroffen wurde. Für sie kommt jede Hilfe zu spät, ihn könnte ein Bewußtseinstransfer retten. Schwer verwundet, von einem Stasefeld zwischen Leben und Tod gehalten, wird Inbal auf die Raumstation Stardawn geflogen; drei leere Krankenfähren starten mit geheimem Ziel in verschiedene Richtungen. Ein Ablenkungsmanöver, bei dem der Leser ahnt, daß es nicht funktionieren wird. Doch obwohl klar ist, was kommt, ist es der erste der selten bleibenden fesselnden Momente in Matthias Robolds "phantastischem" Erstlingsroman. "Nein, nein!" möchte die innere Stimme rufen, wenn die Wachen vor dem Krankenzimmer abberufen werden und Geheimpolizisten in Zivil an ihre Stelle treten.

          Was, wenn nicht fliegende Hast beim Lesen wäre Unterhaltung? Wie man das macht, scheint Robold zu wissen: Erwartungen aufbauen, einlösen, variieren, umlenken, enttäuschen. Im Falle der Science-Fiction kommt die Herausforderung hinzu, eine fremde Welt zu erschaffen, die dennoch längst vorhanden ist. Wieviel muß man erklären? Wie viele Prämissen muß man setzen, um einen Konflikt zu konstruieren? Und wie führt man sie ein? Die einfachste Methode - und für sie hat Robold sich entschieden - besteht darin, einen mit den Gesetzen dieser Welt annähernd so wenig vertrauten Protagonisten auftreten zu lassen, wie es der Leser auf der ersten Seite ist: Angelius Corros, ein ältlicher, verwitweter Seelentherapeut, wird von dem Provinzplaneten Kandella auf die modernste Raumstation des erforschten Universums versetzt, um dort Patienten zu betreuen, deren altes Bewußtsein sich mit ihrem künstlichen Körper nicht anfreunden kann.

          Corros' Ankunft auf Stardawn gibt Gelegenheit, die technischen Errungenschaften der Menschheit und den weltenumspannenden Monopolkonzern vorzustellen, dem diese zu verdanken sind. Dann treten viele Nebenfiguren an ihn heran und erzählen alles der Reihe nach. Daß das Ende der irdischen Ära von unvorstellbaren kriegerischen Auseinandersetzungen geprägt war. Daß man sich in der Aufbruchzeit auf einen Kodex verpflichtet hat, der die Nutzungsrechte für neu erschlossene Planeten regelt. Daß die Erde noch immer als moralische Heimatbasis gilt wie Europa vor der Tea-Party. Und daß sich der Mensch allein im Universum wähnt, nachdem er nie auf die geringste Spur außerirdischen Lebens gestoßen ist. Was das bedeutet, trägt der Schriftsteller Ismail Kilmer vor. Seine seitenlangen Ausführungen, die den Rahmen eines zufällig in Gang gekommenen Gesprächs sprengen, legen die Voraussetzungen für die Pointe der Geschichte: Die Menschheit ist dabei, den "letzten Rest latenten Unbehagens" abzulegen, das sie dem All gegenüber empfand. Kilmers Aufgabe im Gefüge des Romans besteht darin, Zweifel zu säen am Status des Menschen als Krone der Schöpfung, die sich nicht mehr auf das Wort Gottes, sondern auf die Empirie beruft. Man fragt sich angesichts des ihm dadurch zuwachsenden Gewichts, warum nicht er die ultimative Katastrophe überlebt.

          Was schwerer wiegt, ist die Entscheidung, die Figuren sagen zu lassen, was und wie der Leser zu verstehen habe. Statt Handlung: Abhandlung. Was nicht heißt, daß nichts geschieht. Wissenschaftler verhalten sich merkwürdig, verschollen geglaubte Raumschiffe tauchen an unerklärlicher Stelle auf, Politiker halten geheime Konferenzen ab, Planeten zerbersten. Geschickt fädelt Robold Nebenstränge ein und lockt auf falsche Fährten. Aber schon vor der Beschreibung einer Person sagt er, sie sehe aus wie ein typischer Beamter. So unmißverständlich wird man nicht gern an der Hand genommen.

          Robold vertritt eine erzählerische Gegenposition zur dominierenden "amerikanischen Linie", die ohne Umstand ins Geschehen reißt und sich um Theorie lieber indirekt kümmert. Etwa 95 Prozent der hierzulande verlegten Science-fiction-Literatur stammen aus dem anglo-amerikanischen Raum, und insofern ist ihm dies zu danken. Es macht nur nicht so viel Spaß. Doch ob hier oder dort geschrieben - die Auflagen in diesem Genre gehen zurück. Die Bände der "Phantastischen Bibliothek", die Suhrkamp seit zwanzig Jahren in monatlichem Abstand auf den Markt bringt, sollen jetzt nur noch in loser Folge erscheinen, wann immer sich ein herausragendes Werk findet. Also warten wir.

          SUSANNE KUSICKE.

          Matthias Robold: "Hundert Tage auf Stardawn oder Der Status des Menschen". Roman. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1999. 278 S., br., 17,80 DM.

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