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Rezension: Belletristik : Wolken, vermessen

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Durs Grünbeins gesammelte Aufsätze / Von Henning Ritter

          4 Min.

          Man muß bis zu Hans Magnus Enzensbergers lyrischen Anfängen zurückgehen, um auf den Fall eines vergleichbar raschen Bekanntwerdens eines deutschen Lyrikers zu stoßen, wie er sich jüngst mit Durs Grünbein zugetragen hat. Fünf Jahre nach der Veröffentlichung seines ersten Gedichtbandes erhielt er im vergangenen Jahr den angesehensten deutschen Literaturpreis: Er ist seit langem der jüngste Büchnerpreisträger. Der Vergleich kann noch ein wenig weitergeführt werden. Kaum hatte Enzensberger seine ersten Gedichtbände publiziert und war mit ihnen als eine neue lyrische Stimme anerkannt, brachte er die Essaysammlung "Einzelheiten" heraus, die ihn auf einen Schlag in die vorderste Reihe der deutschen Intellektuellen versetzte, als formulierte hier ein Adorno der jungen Generation, der sofort Zustimmung fand.

          Es gibt die essayistische Versuchung, zumal für Lyriker. Denn der Essay lebt in ähnlicher Weise wie das Gedicht von der Evokation, und er führt, wie man exemplarisch bei Gottfried Benn sehen kann, im Idealfall zu gedanklichen Verdichtungen, die dazu tendieren, ins Gedicht überzugehen. Die mit Wahrnehmungen und Suggestionen aufgeladenen Fügungen des Essays lassen das Gedicht gleichsam herausspringen.

          Das ist bei Durs Grünbein nicht anders. Soeben ist die erste Sammlung seiner Prosaarbeiten seit 1989 erschienen: Aufsätze und Geleitworte nennt der Autor die Stücke, die er in diesem Band zusammenfaßt. Die Bescheidenheit ist kein Schwindel, es sind in der Tat Gelegenheitsarbeiten. Doch so unterschiedlich sie sind - poetologische Exkurse, Schriftstellerporträts, Schilderungen von literarischen Funden und musealen Arrangements -, so verloren an ihre Anlässe diese Prosa auch erscheinen mag, ihr programmatischer Anspruch ist nicht zu überhören.

          Es wird in ihr eine Stimme unbekannter Färbung vernehmbar. Man möchte sie lokalisieren. Woher kommt sie? Weniges gibt sie preis von der Biographie des Autors. Wir hören von dem Dresdner Müllberg, den der Junge bestieg und sich als archäologische Fundstelle, als sein Pompeji, eroberte; wir erfahren von Zoospaziergängen mit dem Großvater; wir erfassen Andeutendes über die zunehmende Isolierung des jungen Mannes in den letzten Jahren der DDR, die dem plötzlichen Untergang vorausging; wir werden unterrichtet über die klandestine Lektüre von Elias Canettis "Masse und Macht"; schließlich registrieren wir die Emphase, mit welcher der unverhoffte Zusammenbruch des Systems erlebt wird, in dem der Autor gelernt hatte, sich unsichtbar zu machen. Aber aus alldem ergibt sich kein Porträt, geschweige denn ein Selbstporträt. Auch nicht aus der Mitteilung, daß der Lyriker gerne Medizin studiert hätte, aber nicht zum Kreis der Auserwählten gehörte.

          Aber so schwer faßbar die Herkunft dieser Stimme, so unüberhörbar ihre Bestimmtheit. Bald merkt der Leser, daß sie ein Kunstgebilde aus Sprache ist. Nicht die verstreuten biographischen Mitteilungen, sondern die poetologischen Skizzen, die in acht Texten im ersten Teil des Bandes versammelt sind, geben die nachdrücklichste Auskunft auch über die Person. Hier hat einer sich in einen poetischen Anspruch verwandelt. Was er seine Poetik nennt, in der angeblich das Physiologische, das Körperliche selbst funkengleich ins Wort überspringen soll, ist eine Konfiguration von ausgreifenden und weit auseinander liegenden Interessen und Lektüren. Diese Erfahrungswelt des Lesenden nennt der Autor mit einem preziösen Wort Erkundungen.

          Die Verbindung von Poesie und Erkundung sei, so erfahren wir, die besondere lyrischen Operationsweise dieses Autors. Anthropologische Beobachtung schieße zusammen mit körperlichen Innervationen. Auch wenn man die Linien der hier skizzierten Poetik verdeutlichend nachzeichnen wollte, stärker als deren lehrhafte Umrisse wirkt die ausdruckshafte Zusammenballung von Wortmaterial, das weit auseinander liegenden Sprachregionen entnommen ist. Diesem Lyriker ist die Bescheidenheit fremd, die sich damit abgefunden hat, daß es "zwei Kulturen" gibt. Er erlaubt sich die Resignation nicht, die sich mit der Teilung abfindet. Eher noch nimmt er den Habitus eines Ingenieurs der Seele an, als stünden wir noch mitten in den neusachlichen Aufbrüchen, mit denen dieses Jahrhundert anhob.

          Der Name von Ossip Mandelstam wird mehrfach genannt als Bürge für das Programm einer Lyrik, die keine Wissensgrenze respektiert. Quantenmechanik, Astronomie, Hirnphysiologie, Kybernetik, Ethnologie, das sind die Namen der Gegenden, in denen der Autor seine Wortschätze zusammenklaubt, wie man aus einem Traum ein geheimnisvoll strahlendes Wort mitbringt. Man hat zu Durs Grünbeins Lyrik in vorbeugender Kritik angemerkt, ihre spezifische Gefährdung könnte darin liegen, daß sie sich an ein pseudowissenschaftliches Vokabular verliert.

          Die Verteilung der Gewichte zwischen poetischem Impuls und naturkundlichem oder anthropologischem Interesse ist bisher ungeklärt. Die schönsten Stücke des Bandes sind Beschreibungen aus der Welt der Naturgeschichte, als währte das neunzehnte Jahrhundert fort. Der zweifellos brillanteste Text ist eine Wolkenphysiognomik, eines Howard oder der Weimarer würdig, als wäre unser Autor dort zu Hause, hätte das Naturalienkabinett am Frauenplan nie verlassen. Ähnlich einprägsam und in ihrem Interesse originell sind die Stücke über den Berliner Zoo oder die Tiefseefische. Der Autor gibt in ihnen einer ganz selten gewordenen Neigung zu naturkundlicher Deskription nach, aus dem ein starkes Interesse an sprachlichen Erträgen erkennbar wird. Es ist Wissenschaft, wie sie einmal gewesen sein mag und längst nicht mehr ist.

          Dem Autor ist die Versuchung anzumerken, sich in dieser Welt, um welche sich heute so gut wie niemand mehr kümmert, zu verlieren und ihr sprachlich alles nur Erdenkliche abzugewinnen. Der Leser bemerkt allerdings auch, daß die Verwertung fürs Lyrische nicht die ganze Wahrheit sein kann. Vorstellbar wäre, daß dieser hochbegabte, vor allem mit dem Sinn für Sachlichkeit versehene Autodidakt eines Tages das lyrische Pathos preisgeben könnte, um sich ganz der naturkundlichen Deskription anzuvertrauen.

          In seiner Rede zum Büchnerpreis hat Durs Grünbein so gesprochen, als könne er bei Georg Büchners Abhandlung über die Schädelnerven unmittelbar anknüpfen: als wären Physiologie und Anatomie wie eh und je poetischer Zauber. Als Georg Büchners Leben hier abbrach, ging das seines Bruders, des Physiologen Ludwig Büchner, noch lange fort. Er wurde ein vielgelesener und einflußreicher naturwissenschaftlicher Autor ohne jeden Sinn für die geheime Poesie der Natur. Sein Buch "Kraft und Stoff", das ein Bestseller wurde, trug ihm den Namen "Kraftstoffel" ein. Durs Grünbein steht, nach Auskunft seiner gesammelten Prosastücke, am Scheidewege zwischen Georg und Ludwig Büchner. Beide Optionen haben ihren Rang. Nur zugleich sind sie nicht zu haben.

          Durs Grünbein: "Galilei vermißt Dantes Hölle und bleibt in den Maßen hängen". Aufsätze 1989 - 1995. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1996. 273 S., geb., 38,- DM.

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