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Rezension: Belletristik : Wolken, vermessen

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Durs Grünbeins gesammelte Aufsätze / Von Henning Ritter

          Man muß bis zu Hans Magnus Enzensbergers lyrischen Anfängen zurückgehen, um auf den Fall eines vergleichbar raschen Bekanntwerdens eines deutschen Lyrikers zu stoßen, wie er sich jüngst mit Durs Grünbein zugetragen hat. Fünf Jahre nach der Veröffentlichung seines ersten Gedichtbandes erhielt er im vergangenen Jahr den angesehensten deutschen Literaturpreis: Er ist seit langem der jüngste Büchnerpreisträger. Der Vergleich kann noch ein wenig weitergeführt werden. Kaum hatte Enzensberger seine ersten Gedichtbände publiziert und war mit ihnen als eine neue lyrische Stimme anerkannt, brachte er die Essaysammlung "Einzelheiten" heraus, die ihn auf einen Schlag in die vorderste Reihe der deutschen Intellektuellen versetzte, als formulierte hier ein Adorno der jungen Generation, der sofort Zustimmung fand.

          Es gibt die essayistische Versuchung, zumal für Lyriker. Denn der Essay lebt in ähnlicher Weise wie das Gedicht von der Evokation, und er führt, wie man exemplarisch bei Gottfried Benn sehen kann, im Idealfall zu gedanklichen Verdichtungen, die dazu tendieren, ins Gedicht überzugehen. Die mit Wahrnehmungen und Suggestionen aufgeladenen Fügungen des Essays lassen das Gedicht gleichsam herausspringen.

          Das ist bei Durs Grünbein nicht anders. Soeben ist die erste Sammlung seiner Prosaarbeiten seit 1989 erschienen: Aufsätze und Geleitworte nennt der Autor die Stücke, die er in diesem Band zusammenfaßt. Die Bescheidenheit ist kein Schwindel, es sind in der Tat Gelegenheitsarbeiten. Doch so unterschiedlich sie sind - poetologische Exkurse, Schriftstellerporträts, Schilderungen von literarischen Funden und musealen Arrangements -, so verloren an ihre Anlässe diese Prosa auch erscheinen mag, ihr programmatischer Anspruch ist nicht zu überhören.

          Es wird in ihr eine Stimme unbekannter Färbung vernehmbar. Man möchte sie lokalisieren. Woher kommt sie? Weniges gibt sie preis von der Biographie des Autors. Wir hören von dem Dresdner Müllberg, den der Junge bestieg und sich als archäologische Fundstelle, als sein Pompeji, eroberte; wir erfahren von Zoospaziergängen mit dem Großvater; wir erfassen Andeutendes über die zunehmende Isolierung des jungen Mannes in den letzten Jahren der DDR, die dem plötzlichen Untergang vorausging; wir werden unterrichtet über die klandestine Lektüre von Elias Canettis "Masse und Macht"; schließlich registrieren wir die Emphase, mit welcher der unverhoffte Zusammenbruch des Systems erlebt wird, in dem der Autor gelernt hatte, sich unsichtbar zu machen. Aber aus alldem ergibt sich kein Porträt, geschweige denn ein Selbstporträt. Auch nicht aus der Mitteilung, daß der Lyriker gerne Medizin studiert hätte, aber nicht zum Kreis der Auserwählten gehörte.

          Aber so schwer faßbar die Herkunft dieser Stimme, so unüberhörbar ihre Bestimmtheit. Bald merkt der Leser, daß sie ein Kunstgebilde aus Sprache ist. Nicht die verstreuten biographischen Mitteilungen, sondern die poetologischen Skizzen, die in acht Texten im ersten Teil des Bandes versammelt sind, geben die nachdrücklichste Auskunft auch über die Person. Hier hat einer sich in einen poetischen Anspruch verwandelt. Was er seine Poetik nennt, in der angeblich das Physiologische, das Körperliche selbst funkengleich ins Wort überspringen soll, ist eine Konfiguration von ausgreifenden und weit auseinander liegenden Interessen und Lektüren. Diese Erfahrungswelt des Lesenden nennt der Autor mit einem preziösen Wort Erkundungen.

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