https://www.faz.net/-gr3-6qd9z

Rezension: Belletristik : Wolken, vermessen

  • Aktualisiert am

Die Verbindung von Poesie und Erkundung sei, so erfahren wir, die besondere lyrischen Operationsweise dieses Autors. Anthropologische Beobachtung schieße zusammen mit körperlichen Innervationen. Auch wenn man die Linien der hier skizzierten Poetik verdeutlichend nachzeichnen wollte, stärker als deren lehrhafte Umrisse wirkt die ausdruckshafte Zusammenballung von Wortmaterial, das weit auseinander liegenden Sprachregionen entnommen ist. Diesem Lyriker ist die Bescheidenheit fremd, die sich damit abgefunden hat, daß es "zwei Kulturen" gibt. Er erlaubt sich die Resignation nicht, die sich mit der Teilung abfindet. Eher noch nimmt er den Habitus eines Ingenieurs der Seele an, als stünden wir noch mitten in den neusachlichen Aufbrüchen, mit denen dieses Jahrhundert anhob.

Der Name von Ossip Mandelstam wird mehrfach genannt als Bürge für das Programm einer Lyrik, die keine Wissensgrenze respektiert. Quantenmechanik, Astronomie, Hirnphysiologie, Kybernetik, Ethnologie, das sind die Namen der Gegenden, in denen der Autor seine Wortschätze zusammenklaubt, wie man aus einem Traum ein geheimnisvoll strahlendes Wort mitbringt. Man hat zu Durs Grünbeins Lyrik in vorbeugender Kritik angemerkt, ihre spezifische Gefährdung könnte darin liegen, daß sie sich an ein pseudowissenschaftliches Vokabular verliert.

Die Verteilung der Gewichte zwischen poetischem Impuls und naturkundlichem oder anthropologischem Interesse ist bisher ungeklärt. Die schönsten Stücke des Bandes sind Beschreibungen aus der Welt der Naturgeschichte, als währte das neunzehnte Jahrhundert fort. Der zweifellos brillanteste Text ist eine Wolkenphysiognomik, eines Howard oder der Weimarer würdig, als wäre unser Autor dort zu Hause, hätte das Naturalienkabinett am Frauenplan nie verlassen. Ähnlich einprägsam und in ihrem Interesse originell sind die Stücke über den Berliner Zoo oder die Tiefseefische. Der Autor gibt in ihnen einer ganz selten gewordenen Neigung zu naturkundlicher Deskription nach, aus dem ein starkes Interesse an sprachlichen Erträgen erkennbar wird. Es ist Wissenschaft, wie sie einmal gewesen sein mag und längst nicht mehr ist.

Dem Autor ist die Versuchung anzumerken, sich in dieser Welt, um welche sich heute so gut wie niemand mehr kümmert, zu verlieren und ihr sprachlich alles nur Erdenkliche abzugewinnen. Der Leser bemerkt allerdings auch, daß die Verwertung fürs Lyrische nicht die ganze Wahrheit sein kann. Vorstellbar wäre, daß dieser hochbegabte, vor allem mit dem Sinn für Sachlichkeit versehene Autodidakt eines Tages das lyrische Pathos preisgeben könnte, um sich ganz der naturkundlichen Deskription anzuvertrauen.

In seiner Rede zum Büchnerpreis hat Durs Grünbein so gesprochen, als könne er bei Georg Büchners Abhandlung über die Schädelnerven unmittelbar anknüpfen: als wären Physiologie und Anatomie wie eh und je poetischer Zauber. Als Georg Büchners Leben hier abbrach, ging das seines Bruders, des Physiologen Ludwig Büchner, noch lange fort. Er wurde ein vielgelesener und einflußreicher naturwissenschaftlicher Autor ohne jeden Sinn für die geheime Poesie der Natur. Sein Buch "Kraft und Stoff", das ein Bestseller wurde, trug ihm den Namen "Kraftstoffel" ein. Durs Grünbein steht, nach Auskunft seiner gesammelten Prosastücke, am Scheidewege zwischen Georg und Ludwig Büchner. Beide Optionen haben ihren Rang. Nur zugleich sind sie nicht zu haben.

Durs Grünbein: "Galilei vermißt Dantes Hölle und bleibt in den Maßen hängen". Aufsätze 1989 - 1995. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1996. 273 S., geb., 38,- DM.

Weitere Themen

Theater und die Kunst zu leben Video-Seite öffnen

Spielplanänderung – Folge 6 : Theater und die Kunst zu leben

In dieser Folge der „Spielplanänderung“ kehren wir zum wahren, schönen Leben zurück: Sardanapal ist nicht nur tragischer König und Bühnenheld, sondern vor allem ein Genießer des schönen Lebens. Zusammen mit dem langjährigen Volksbühnen-Dramaturgen Carl Hegemann erkunden wir Parallelen zwischen diesem König, der keiner sein will und heutigen politischen Disputen.

Topmeldungen

Amerikas Präsident Joe Biden in einer Produktionsanlage des Pharmakonzerns Pfizer: Eine halbe Milliarde Dosen Impfstoff hat Biden den armen Ländern versprochen.

Impfstoff-Diplomatie : Geopolitik mit Impfstoffen

China hat die Welt mit Corona-Impfstoff beliefert, als der Westen mit sich selbst beschäftigt war. Jetzt versucht Amerika mit Macht, Boden gut zu machen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.