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Rezension: Belletristik : Wo jeder Tag an Licht gewinnt

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Die einen haben Fackeln in der Hand, die andern Pfeile: Der österreichische Schriftsteller Raoul Schrott erfindet sich und die Maschine der Poesie

          11 Min.

          Selten sah man einen solchen Überflieger. Auf einem Schiff zwischen Südamerika und Europa geboren, die Kindheit im Maghreb verbracht wie Albert Camus, die Jugend in Zürich, wo Elias Canetti und James Joyce starben - so beginnt ein literarischer Gesamtlebenslauf im Expreßverfahren.

          Der junge Mann beginnt zu lesen, zunächst nur Asterix und Obelix, aber das gleich auf französisch. "Mit elf oder zwölf stieß ich auf die Surrealisten und auf Camus." Drei Jahre später entstehen die ersten Gedichte, für die Paul Celan die Vorbilder liefert. Und so geht das weiter: Erst wird der Nachwuchswettbewerb für Amateurmusiker in der Tiroler Provinz gewonnen, dann wird in Norwich, Berlin und Paris studiert.

          Es folgen die Wanderjahre als Sekretär bei Philippe Soupault, damals dem letzten lebenden Surrealisten (das Vorbild könnte Rainer Maria Rilke als Sekretär bei Auguste Rodin gewesen sein oder Samuel Beckett bei James Joyce), als Buchhändler bei Shakespeare & Company in Paris und als Lektor am Istituto Orientale in Neapel. Dann habilitiert sich der Dichter, und am Ende heißt es: "Wenn er nicht auf Reisen ist, lebt er in Südfrankreich." Raoul Schrott ist heute dreiunddreißig, und daß sein Name wie der "nom de guerre" eines Dadaisten klingt, hat er selbst bemerkt.

          Ein solcher Lebenslauf muß zu einem großen Buch führen. Bereits 1995, als der Roman "Finis Terrae" erschien, ließ sich ahnen, daß hier ein Talent am Werk war, das Bedeutendes vorhatte. "Die Erfindung der Poesie" heißt der Band, den Raoul Schrott jetzt in der "Anderen Bibliothek" herausgegeben hat. "Ein solches Buch hat es noch nicht gegeben", behauptet der Verlag. Es enthält alte und älteste Gedichte, Gedichte aus dem Sumerischen, dem Griechischen, Lateinischen, Arabischen, Keltischen, Hebräischen, Aquitanischen, Okzitanischen und Walisischen, alle gesammelt, übertragen und kommentiert von Raoul Schrott.

          Daß ein junger Dichter so viele tote Sprachen beherrscht, fast so viele wie der romantische Poet und Übersetzer Friedrich Rückert in seinen reifen Jahren, ist nur die eine Verblüffung, auf die das Buch angelegt ist. Die andere besteht in der Unwahrscheinlichkeit, daß diese Gedichte so vertraut wirken. Raoul Schrott will keine historischen Rekonstruktionen präsentieren, sondern unerhörte Ausgrabungen vorstellen, uralte Fundstücke, die aber wirken sollen wie am ersten Tag.

          "Varus du kennst ja diesen Suffenus ebenfalls ganz gut", dichtet bei ihm der Römer Catull fast hundert Jahre vor Christi Geburt, "ein intelligenter mensch sehr urban und eloquent." Das klingt erst einmal, als habe jemand unter den Trümmern des Forum Romanum eine Espressomaschine hervorgezogen. Doch es ist keine Torheit und hat eine eigene Tradition, wenn jemand alte Texte so zeitgemäß vorträgt: Den schnoddrigen Ton hat Ezra Pound den antiken Dichtern Euripides oder Properz schon vor fünfzig oder sechzig Jahren verliehen.

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