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Rezension: Belletristik : Wo jeder Tag an Licht gewinnt

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Der Atlas der alten Poesie zeigt hauptsächlich Wüsten. Zwischen einer Grabung und der nächsten liegen zuweilen Jahrhunderte und Tausende von Kilometern, und nur eine dünn gestrichelte Linie führt von einem Ort zum andern. Natürlich könnte man einwenden, man vermisse die mittelalterliche Mystik - aber was könnte man hier nicht alles noch vermissen? Daß Homer, Ovid und Vergil, Petrarca und Dante fehlen, daß die arabische Lyrik gegen die griechisch-römische Tradition aufgewertet wird, ist Programm: Es richtet sich gegen die Epik und nimmt Partei für das krude Leben. Es lehnt die Metropole ab und will die Provinz. Deswegen fehlt auch Horaz: Er war den Gärten Roms schon viel zu nahe gewesen, von der Stadt erscheinen nur die Hinterhöfe und dunklen Gassen, und dort sucht man das Eigentliche am ehesten. "Darin besteht für mich dichterisches Vermögen", erklärt Raoul Schrott und zitiert Niccolò Machiavelli, ohne ihn zu nennen: "der Göttin der Gelegenheit in die Haare zu greifen, in einem Moment - einem Blick, hier und jetzt, warum nicht - das Signifikante zu erkennen und daraus ein Gedicht werden zu lassen, den Augenblick festzuhalten, ohne ihn zu verändern." Natürlich ist das Willkür. Aber sie weiß, wo sie steht.

Friedrich Nietzsche ist der eine Geistesverwandte Raoul Schrotts. Der andere ist Johann Gottfried Herder, der Ethnologe der Dichtung, aber mit ihm verträgt sich der Erfinder der Poesie wesentlich schlechter - einer formalen Ähnlichkeit zum Trotz. Auch die "Stimmen der Völker in Liedern", Herders berühmtestes Buch, sind eine Anthologie. Dort steht das spanische Lied von "Zaidas trauriger Hochzeit" neben dem litauischen "Abschied eines Mädchens", der morlackische Gesang neben dem skaldischen "Hagelwetter". Poesie, behauptet Herder, lebe "im Ohr des Volkes, auf den Lippen und Harfen lebendiger Sänger: sie singt Geschichte, Begebenheit, Geheimnis, Wunder und Zeichen". Das hätte Raoul Schrott, freilich weniger pathetisch, auch sagen können. Aber er ist, obwohl die Sammlung einen solchen Eindruck machen kann, kein Ethnologe der Lyrik. Er begibt sich nicht auf die Suche nach Völkergedanken, er will keine Ursprachen erraten. Nicht umsonst ist Herders Impuls, der seinerzeit das Verständnis von Poesie so erschütterte wie Winckelmanns Umdeutung der Antike, eingefangen worden von Philologen und nationalen Hütern der Tradition. Poesie wurde als säkulare Offenbarung an die Wiege der Nationen gelegt. Raoul Schrott würde sagen, das habe sie um ihr lyrisches Potential gebracht. Sein globales Vagabundieren aber kommt im Augenblick der Erosion von Nationalliteraturen. Er hält sich an die Oberfläche, er paktiert mit der Verwirrung, und am Anfang war allenfalls Dada. Alles ist ihm gleich nahe zur Gegenwart, seine Trobadors sprechen unsere Sprache. Der Vagabund sucht die Gesellschaft seiner dionysischen Vorfahren. Denn er weiß ja nicht, wohin die Reise geht.

Es gibt eine Archäologie des Luftbilds. Denn manchmal erkennt man erst in einigem Abstand von der Erde die Mauern, die vor Jahrhunderten gezogen worden und heute von Schutt und Erde überdeckt sind. Der Überflieger ist ein solcher Archäologe. Er hat unter dem Müll der Zivilisationen etwas gesehen: eine "uralte Maschine, die zwar manchmal den Eindruck macht, als hätte ein Tinguely sie gebaut; ihre einzelnen Zahnräder und Teile unterscheiden sich indes kaum von modernen Uhrwerken". Es ist die Maschine der Poesie. Man weiß nicht, ob man das, was man von oben gesehen hat, in der Nahsicht wiedererkennt. Aber eines wird das, was man am Ende ausgräbt, nicht sein: ein lyrisches Ich.

Raoul Schrott: "Die Erfindung der Poesie". Gedichte aus den ersten viertausend Jahren. Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 1997. 536 S., geb., 58,- DM.

Raoul Schrott: "Fragmente einer der Sprache der Dichtung". Grazer Poetikvorlesung. Literaturverlag Droschl, Graz und Wien 1997. 176 S., br., 44,- DM.

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