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Rezension: Belletristik : Wo jeder Tag an Licht gewinnt

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Man stößt bei Raoul Schrott auf viele verborgene Zitate aus dem Werk Friedrich Nietzsches. Dafür gibt es einen weiteren Grund: Auch Raoul Schrott ist ein entlaufener Philologe, einer, der einer fröhlichen Wissenschaft huldigen möchte. Manchmal blufft der Dichter wie ein Dandy im Salon, zum Beispiel, wenn er sich für seine abenteuerlichen Ahnenreihen darauf verläßt, daß niemand das alles gelesen haben kann: die Minnesänger zum Beispiel, die "wie der Archipoeta, Villon, Cecco Angiolieri, Hofmannswaldau, Carl Michael Bellmann, um nur einige zu nennen, eine verschüttete Literaturtradition verkörpern, die zuallererst das Leben betonen und dabei aus einem vollen Faß schöpfen". Die entlaufenen Philologen kennen sich an den Rändern besser aus als in der Mitte, dramatisieren gerne ihre Kenntnisse, und oft werden sie Hochstapler.

So hat Raoul Schrott den einzelnen Dichtern enzyklopädische Lebensbeschreibungen vorangestellt, obwohl er weiß, daß er poetische Aussagen nicht als Auskünfte über Dichter nehmen kann: Er hat seine Gestalten aus Gedichten herausgelöst und lebensähnlich gemacht, also weitgehend erfunden. Der Autor liebt die Übertreibung: "Der Graf von Poitiers war einer der nobelsten Edelleute und einer der größten Verführer." Die Geschichte der Lyrik wird hier zu einem Epos, für das die einzelnen Gedichte kaum mehr als Anhaltspunkte geben. Auch das ist die "Erfindung der Poesie" nach Raoul Schrott: In seiner poetischen Archäologie wird die Poesie in der Manier Erich von Dänikens als große webende Unbekannte suggeriert.

Woher kommt diese Leidenschaft für das Dunkle, Abgelegene, weit Entfernte? Wieso soll sich das Vorzeitliche und Periphere so weit über bekannte Traditionen und zentrale Überlieferungen erheben? Weil es im Unterschied zur Mitte noch frisch ist, weil es neu klingt, weil es einen gewaltigen Unterschied macht zur Geschichte der großen Werke, über die sich Deutung über Deutung schichtet. Raoul Schrott inszeniert eine Tiefe der Zeit und eine Weite des Raums, und dadurch wird das Universum sehr groß und sehr klein zugleich. In dieser fremden Welt kehrt der lyrische Dichter als Held zurück. Er ist vielleicht ein Schlawiner, und doch steht hier wieder einer für sich selbst. Und das geht so weit, daß Raoul Schrott mit seinen eigenen Figuren Mimikry treibt. Das sieht man am Lebenslauf des Überfliegers und auch an der seltsamen Eitelkeit, unter jeden biographischen Text den Namen des Ortes zu setzen, wo er geschrieben wurde - und wieder ist da die geheimnisvolle Geschichte von der Erfindung der Poesie:

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Lissabon, Innsbruck, Stuttgart, Cape Clear, Berlin, Camoglie, Neapel, Santiago do Cacém . . . Ich war da, ich war in der freien Luft, ich war überall, sagt der Lyriker, der die Jahrtausende auf einen Punkt bringen will.

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