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Rezension: Belletristik : Wo jeder Tag an Licht gewinnt

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Und so entstehen aus alten Texten Gedichte, die gar keiner Zeit mehr angehören sollen. Raoul Schrott poetisiert, um zu aktualisieren, und dabei greift er auf, was man verstehen kann und was sich einem modernen Interesse fügt. Es bleiben Lücken, und man nimmt sie hin: Archilochos, der Dichter und Söldner aus dem siebten Jahrhundert vor Christus, macht immer wieder den Eindruck, hier spreche ein früher Rimbaud: "Die götter haben das letzte wort / sie heben dich in die höhe wenn / du auf der dunklen erde liegst / sie werfen dich auf den rücken / hast du erst einmal fuß gefaßt . . ." Die Lieder von Abu Nuwas - tausend Jahre alt ist dieser Mann und angeblich ein hübscher, wenn auch etwas dicker Kerl - erinnern sehr an den Stürmer und Dränger Carl Michael Bellmann: "Ganz dunkel ist er in seinem krug / der sonne ihr tiefroter atemzug / als sie vor mir ihr auge aufschlug / ein wein wie aus dem paradies." Und die Geschichte von Guilhem IX, dem Trobador aus dem frühen zwölften Jahrhundert, klingt schon fast nach Robin Hood. Ob das alles so richtig ist, weiß man nicht, aber es spricht auch wenig dagegen, daß Raoul Schrott die Lebendigkeit des Ausdrucks der Genauigkeit der Übertragung vorzieht. Wo ein Philologe den Rhythmus und den Reim dem Wortsinn opfert, wird es hier umgekehrt gemacht.

Raoul Schrott hat irgendwann das Singen zur Gitarre aufgegeben, obwohl er jenen "sehr lokalen Bandwettbewerb gewonnen" hatte. Ihm fehlte, so sagt er, die Stimme, die er für seine "chromatischen Akkorde" gebraucht hätte. So mag es sich zugetragen haben, auch wenn es keine solchen Akkorde gibt, weil sie wie eine Faust auf den Tasten klingen würden. Aber die Geschichte enthält auch ein Zitat: Als Friedrich Nietzsche den Lyriker definierte, erklärte er ihn zu einem Menschen, der "immer ,ich' sagt und die ganze chromatische Tonleiter seiner Leidenschaften und Begehrungen vor uns absingt".

Man findet diese Definition genau dort, wo Nietzsche in der "Geburt der Tragödie" Homer mit Archilochos vergleicht, den greisen Träumer mit dem "leidenschaftlichen Kopf des wild durchs Dasein getriebenen kriegerischen Musendieners". Auf wessen Seite Nietzsches Sympathien liegen, ist dabei ganz ohne Zweifel: beim Lyriker, dessen Ich "aus dem Abgrunde des Seins tönt" und "Bilderfunken" sprüht. Nur "subjektiv" - das sei der wahre Dichter nicht, dazu gehe es doch zu sehr um existentielle Fragen. Nietzsche erklärt hier das lyrische Ich für bedeutungslos, für unzuständig, um es mit dem Leben aufzunehmen. Diese Passage in der "Geburt der Tragödie" ist ein Manifest, und offenbar hat sich Raoul Schrott in die Idee hineingebohrt - mit großer Beharrlichkeit: Bereits der Roman "Finis Terrae" erzählt von einer Welt, in der es keine weißen Flecken und dunklen Stellen mehr gibt, und davon, wie es einem Archäologen gelingt, dennoch in einer Wüste zu verschwinden.

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