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Rezension: Belletristik : Wo jeder Tag an Licht gewinnt

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Diese Nähe ist vielleicht eine Illusion. Aber wenn man darauf vertrauen kann, daß die älteren Zeiten nicht die dümmeren gewesen sein müssen, mag ja einiges für diese unverhoffte Nachbarschaft sprechen: Der moderne Klang der Übertragungen von Raoul Schrott entsteht aus einer Ironie, die wir für eine Errungenschaft der neuesten Zeiten halten, die bei ihm aber von vornherein den Ton der Dichtung bildet. Da tritt zwar stets jemand auf, der "ich" sagt und Bilder für seinen Zustand sucht, der hadert und liebt und haßt und zweifelt. Aber dieses "ich" schwärmt nicht, es versucht nicht, sich einzunisten in Befindlichkeiten und Selbstvergewisserungen. Es ist eine vage, sehr brüchige Angelegenheit - stets setzt sich jemand einer Welt entgegen, die ihm bereits unmißverständlich klargemacht hat, daß er ihr herzlich gleichgültig ist: Von einem "Haus" dichten die irischen Mönche im neunten Jahrhundert: "ein haus in das kein regen rinnt / wo eine lanze nur ins leere fällt / und jeder tag an licht gewinnt / weil das dunkel keine wände hält."

Dieses "ich" ist bloß ein Bild, eine fixe Idee, die sofort zerfällt, wenn die Welt ihr widerspricht. Die Vorstellung, daß Dichten ein persönliches Verdienst sein könnte, ist ihm völlig fremd. Das ist vielleicht die größte Überraschung in diesem Rückblick auf die angeblichen Anfänge der Dichtung: daß es sich stets schon um reflektierte Dichtung gehandelt haben kann, daß das Naive vielleicht immer schon das Sentimentalische war. Bei dieser scheinbaren lyrischen Frühe handelt es sich offenbar schon um späte Zeiten, denn alles Raffinierte kommt spät.

Raoul Schrott, der jetzt alles neu machen will, hat sich die Kenntnisnahme der Literaturgeschichte nicht erspart, wie man an den Kommentaren zu den einzelnen Dichtern leicht erkennt. Und doch findet man Ungenauigkeiten in seinen Übersetzungen, Fehler sogar und sehr viele Übertreibungen. Guilhem IX, der Herzog von Aquitanien und erste Trobador, spricht in seinem zehnten Lied gewiß nicht davon, daß es sein "Schicksal" sei, nur vergeblich lieben zu können. Nur geht es ihm dauernd so, daß er, weil er nicht lieben kann, immer heftiger begehren muß. Sein Lied ist also noch mehr im Sinne des Übersetzers, als dieser es selbst glaubt. Aber es ist müßig, nach solchen Mängeln zu suchen - selbstverständlich muß Raoul Schrott hin und wieder den Preis für einen Anachronismus zahlen, und gegenüber den "Pomadenhengsten", die er bei Catull auftreten läßt, ist das Wort "Schnösel" wohl eher angebracht als bei Properz, wo er es unterbringt. Man könnte darüber staunen, wie selten ihm so schiefe Töne unterlaufen.

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