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Rezension: Belletristik : Wo jeder Tag an Licht gewinnt

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Raoul Schrott will mit einer Anthologie ein Weltbild verändern, und in seiner Idee ist mehr Vernunft, als man zunächst glauben möchte. In den vergangenen Jahrzehnten hat es viele Versuche gegeben, das Universum der Dichtung in Anthologien neu auszumessen: Walter Höllerer, Hans Magnus Enzensberger und Harald Hartung haben zu diesem Zweck ganze "Museen" und andere Sammlungen veröffentlicht. Zuletzt folgte Joachim Sartorius mit seinem 1995 erschienenen "Atlas der neuen Poesie". Dieser hatte sich zudem noch eine pädagogische Aufgabe gesetzt: die Vision einer postkolonialen Welt, eines Globus, auf dem jedes Land seine Dichter hat, weil es eine Poesie gib, die alle verbindet. Aber die Verhältnisse haben sich geändert. Heute gibt es zwar eine Weltliteratur, sie scheint jedoch wenig bedeutsam zu sein. Man kann vielleicht in einer Sprache sprechen, doch ist es nie die eigene eines anderen. Alles ist zugänglich, jeder ist für sich allein.

Dagegen setzt Raoul Schrott seine poetische Archäologie. Seine Karten unterscheiden sich sehr vom Weltatlas der zeitgemäßen Dichtung. Es sind historische und melancholische Karten, denn auf ihnen sind nur versunkene Länder eingetragen. Dabei stört es den Kartographen nicht, daß die meisten dieser weißen Flecken von den Philologen bis auf den letzten Zentimeter aufgenommen worden sind, hat doch in seinen Augen der akademische Betrieb den alten Gedichten die Poesie ausgetrieben. "Verschüttet" heißt eines seiner Lieblingswörter, und er meint damit den Staub der Philologen, der sich auf die Wahrhaftigkeit des Wortes gelegt hat. Bei Raoul Schrott ähneln die Gelehrten noch immer den Ärzten bei Molière. Das ist gewiß eine Übertreibung, aber man nimmt sie hin: "Wozu eine Polemik punktgenau ausfeilen, wenn schon ein erster Rundumschlag die Hälfte trifft?"

Vom Dunkel der Gelehrsamkeit befreit, torkelt Catull nun als unglücklicher, ironischer Liebhaber durch die Gassen und stößt dort auf eine Schlägerbande. Es sind Götter: "die einen hatten fackeln in der hand die anderen pfeile und / ein paar von ihnen ketten wie um mich zu fesseln / Aber alle waren nackt - da sagte einer von den wilderen: / Nehmt ihn euch vor - ihr kennt ihn doch genau . . ." Das klingt fast wie New York, spielt im alten Rom und ist eine Traumszene von Urlust und Schmerz.

Diese Gedichte können fünfhundert Jahre alt sein oder dreitausend, es ist im Grunde gleichgültig. Ihre Stelle in der Zeit spielt keine Rolle - nur: daß sie nicht in eine Tradition gehören und daß sie sich nicht dem modernen, nachromantischen Kunstverständnis fügen. Raoul Schrott hat nach Gedichten gesucht, die sich immer auch unmittelbar verstehen lassen, nach Werken, bei denen man nicht auf den Gedanken kommen muß, hier solle man nach poetischem Tiefsinn graben. Deshalb besteht er auch so auf dem Rhythmus, dem Klang und dem Reim, dem Gegentakt zum Lauf der Zeit. Er will etwas sehr Entferntes nahe heranrücken. Die Literatur kommt ihm dabei zu Hilfe. Denn noch immer spricht sie vom Krug und von der Waffe, vom Kuß und vom Bett, von der Natur, dem Kampf und der Liebe - man denke nur an Seamus Heaney. Einem fast dreitausend Jahre alten Gedicht, das so einfach redet, kann man im übrigen nicht vorwerfen, daß es kitschig sei. Darin liegt ein Nutzen dieser Fundstücke: "Und untergegangen ist der Mond mit / den pleiaden, versunken mitten im / dunkeln, aus der schale der nacht rinnt / die zeit und nur ich, ich schlafe allein." Das ist nicht Ingeborg Bachmann, sondern Sappho, und es klingt auf eine verwirrende Weise modern.

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