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Rezension: Belletristik : Wo ist die Moral, wo sind die Manschetten?

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Genie auf Kunsthessisch: Georg Büchners Schriften und Briefe / Von Eske Bockelmann

          6 Min.

          Georg Büchners literarische Werke lassen sich an einer Hand abzählen: "Dantons Tod", "Lenz", "Leonce und Lena", "Woyzeck". Und selbst von diesem Wenigen liegt nur das erste Werk in einer abgeschlossenen und sicher überlieferten Form vor. Büchner hatte begonnen zu schreiben, unter Umständen, die diesen Beginn nur behindern konnten - im Exil als steckbrieflich Gesuchter und Tag und Nacht an der Arbeit, um seinen Unterhalt als Privatdozent verdienen zu können -, hatte sein erstes Drama zum Druck gebracht und die nächsten Werke entworfen, als er starb. Schon sein "Danton" war nur entstellt erschienen, und die drei hinterlassenen Werke befanden sich alle, "Leonce und Lena" vielleicht ausgenommen, im Zustand von Arbeitsmanuskripten. Trotzdem: Jedes Einzelne von ihnen ist heute so sehr präsent und jedes von einer solchen Kraft, als gäbe es keine Einschränkung im Zustand ihres Textes.

          Für die Edition dieses Werks genügt jeweils ein einziger Band, auch dem Deutschen Klassiker Verlag. Umso wichtiger, dass dessen Ausgabe durch einen zweiten Band komplettiert wird; er versammelt, was sich von Büchner noch Schriftliches erhalten hat: den "Hessischen Landboten", jene revolutionäre Flugschrift, die zwar Büchner entworfen, der Mitrevolutionär Weidig aber so weit abgeändert hatte, dass Büchner sie nicht mehr als die seine anerkennen wollte; die Briefe, wenige kostbare Exemplare aus einer "starken Correspondenz", die Büchner geführt haben muss und die zum größten Teil verloren ging - immerhin sind erst 1993 zwei Originale neu entdeckt und hier eingereiht worden; die wenigen Gelegenheitsgedichte aus der Jugend; Schriften aus der Schulzeit; und solche, die Büchners Privatdozentur in Zürich galten: die Dissertation über das Nervensystem der Barbe, die Probevorlesung über Schädelnerven und die philosophischen Vorlesungsskripte zu Descartes und Spinoza.

          In der ersten Ankündigung des Bandes hatte der Verlag "zahlreiche bisher unbekannte und großenteils unveröffentlichte Dokumente" versprochen - wobei man sich fragen konnte, wie "bisher unbekannte" Dokumente "großenteils" und nicht samt und sonders "unveröffentlichte" sein sollten. Davon enthält der Band jetzt jedoch nichts, und die wenigen Dokumente, die er bietet, machen in ihrer Auswahl den Eindruck, als habe ein Student rasch ein paar Bände aus dem Büchner-Regal auf den Kopierer gelegt.

          Aber diesen Mangel macht der ausführliche Kommentar wett; er umfasst knapp die Hälfte des über 1200 Seiten starken Bandes. Henri Poschmann, der Herausgeber, hat sich darin zu Recht allen Raum gegeben, das Umfeld von Büchner selbst und insbesondere von jeder der abgedruckten Schriften zu beschreiben und zu belegen. Das geht zwar, sobald es psychologisch wird, nicht ohne das hausbackene Zeug ab, das die Literaturwissenschaft für das Innenleben ihrer Genies parat hält, etwa: "Zustand extremer existenzieller Bedrängnis und psychischer Gefährdung" - doch wer vermöchte Büchner so scharf zu zeichnen wie dieser seinen Lenz? Bei der Frage, wie die hier dokumentierten unterschiedlichen Betätigungsbereiche untereinander und mit dem literarischen Werk zusammenhängen, geht es an ein leeres Auftürmen: "Der philosophische Reflexionszusammenhang des Erkenntnisinteresses, das Büchners naturwissenschaftliche Forschung an philosophischen Voraussetzungen orientiert, die problematisch geworden sind, wird ihm deshalb selbst zum Gegenstand kritischen Hinterfragens."

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