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Rezension: Belletristik : Wir sind hier nicht in Neapel, Iwan

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In Rußland ist der Winter kalt, das Geld wertlos, die Frauen gehen auf den Strich, die Männer sind Killer oder sie sitzen den ganzen Tag am Küchentisch und starren aus dem Fenster oder ins Wodkaglas. Sie denken darüber nach, was sie nicht sind und was sie nicht können, sie finden alles sinnlos und nennen ...

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          In Rußland ist der Winter kalt, das Geld wertlos, die Frauen gehen auf den Strich, die Männer sind Killer oder sie sitzen den ganzen Tag am Küchentisch und starren aus dem Fenster oder ins Wodkaglas. Sie denken darüber nach, was sie nicht sind und was sie nicht können, sie finden alles sinnlos und nennen das "russische Seele", sie warten, daß irgend etwas von selbst kaputtgeht, vielleicht, daß ein Bild von der feuchten Wand fällt, und bezeichnen es als "Schicksal". Dieses Russischsein ist nicht nur eine Erfindung Iwan Gontscharows, der ihm den Namen des Fürsten Oblomow gegeben hat, im Grunde ist es der real existierende russische Traum.

          Tolja, der Antiheld des Romans "Ein Freund des Verblichenen" ist ein solcher Russe, obwohl er wie sein Erfinder, der Autor Andrej Kurkow, in Kiew, also der Ukraine lebt. Er ist ein moderner Oblomow in den surrealen Zeiten der postsowjetischen Mafiawirtschaft. Er sitzt in der Küche und bedauert, daß er nicht raucht, weil seine Trostlosigkeit als Rauch eigentlich am schönsten über ihm hängen würde. Statt dessen trinkt er massenhaft Kaffee und Tee. Tolja ist Anfang Dreißig, liebt seine Frau nicht mehr, hat keinen Beruf und will nicht mehr leben. Weil er aber kein Typ für Selbstmord ist, engagiert er sich einen Killer, der dort in Kiew billig zu haben ist.

          Doch nun ist Tolja ein Mensch, dem, wie er selbst sagt, immer das Gegenteil einer Rolle zukommt, und deshalb geht auch sein Ableben schief. Das Café, in dem er umgebracht werden soll, schließt an diesem Abend früher als gewöhnlich. Und wieder einmal übernimmt das Schicksal die Regie, diesmal allerdings eine vorteilhafte, denn er hat zwischenzeitlich ein Mädchen kennengelernt, eine Freizeitnutte, die ihm das Leben längst wieder lebenswert gemacht hat. Nun heißt es, den Killer zu stoppen, was nicht einfach durch Auftragsentzug geht, sondern nur durch das Killen des Killers.

          Etwas Surreales hat diese ironisch dahinsinnierende Kriminalgeschichte, die in Blockflötenintonation die Motive ihrer großen literarischen Vorgänger nachspielt: Bulgakows apokalyptisch-albtraumhafte Stadtszenerien und Dostojewskis Gedankenschwere. Kurkow aber läßt seinen Tolja so viel Küchenphilosophie über zurückerhaltenes Leben, alte Schuldkomplexe und "die Natur der Wünsche" in seinem Samowar aufkochen, daß man bald nur noch den Wasserkessel blubbern hört, es aber nach nichts mehr schmeckt.

          In schnoddriger Übersetzung und oberflächlich lektoriert, folgt dieser Roman all zu routiniert auf die beiden ersten Erfolgswerke des Autors "Picknick auf dem Eis" und "Petrowitsch". "Meine Gedanken kreisten um geringfügige Dinge, nichts Erhabenes, nichts wirklich Philosophisches", kokettiert Tolja einmal. Man soll ihm das natürlich nicht glauben, aber man muß es wohl doch. Am Ende wird Tolja gar zum Doppelgänger, aber auch das kennt man schon aus anderer, besserer Feder.

          DORIS MEIERHENRICH.

          Andrej Kurkow: "Der Freund des Verblichenen". Diogenes Verlag, Zürich 2001. 142 S., geb., 16,90 [Euro].

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