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Rezension: Belletristik : Wir brauchen ihn ganz

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Ein Schuber allein hilft nicht: Zur Lage des deutschen Balzac

          In den insel-taschenbüchern sind, unter dem etwas anmaßlichen Gesamttitel "Die großen Romane und Erzählungen", zwanzig Bände Balzac erschienen. Ganz vorn im ersten Band ist ein Vorwort von Hofmannsthal: Und wer sich auskennt, weiß nun, bei Hofmannsthal und der Insel, daß wir es hier mit jener Ausgabe oder mit einer späten Nachfolgerin jener Ausgabe zu tun haben, die seinerzeit, 1908 bis 1911, sechzehnbändig bei der Insel herausgekommen war, auch damals schon leicht anmaßlich unter dem Balzacschen Gesamttitel "Menschliche Komödie", ohne große Rücksicht darauf, daß ihre knapp 6000 Seiten weit weniger als auch nur die Hälfte des Textes waren, den Balzac für seine "Comédie" zusammenhatte, als er 1850 starb.

          Die in einer Reihe von Bänden des Balzac-Schubers jetzt aufgeführten Bearbeiter, Erika und Eberhard Wesemann, weisen in den kurzen und sehr vernünftigen Anhängen zu den Romanen als Druckvorlage nun aber nicht auf die entsprechenden Bände der alten Insel-Ausgabe hin, sondern stets auf einen zehnbändigen deutschen Balzac von 1923 bis 1925, immerhin ebenfalls aus der Insel - hier handelt es sich um ebenjenen deutschen Balzac von damals, nur jetzt auf Dünndruckpapier gedruckt und merkwürdig genug in Fraktur gesetzt; die Ausgabe, von 1923 also, ist um ein rundes Dutzend Titel erweitert, meistens um kleinere Erzählungen, doch auch um so bedeutende Stücke wie das "Haus zum ballspielenden Kater", den "Pfarrer von Tours", die "Chouans", "Ursule Miroëut", "Gobseck", den "Landarzt" und die "Suche nach dem Absoluten". Die Übersetzer, Felix Paul Greve, Gisela Etzel, Arthur Schurig, Hedwig Lachmann und Ernst Hardt - René Schickele hatte die so betörende "Lilie im Tal" beigesteuert -, waren natürlich dieselben geblieben, hinzugekommen waren hauptsächlich Franz Franzius (für den "Landarzt") und Johannes Schlaf für "Gobseck", die "Ursule Mirouët", den "Pfarrer von Tours" und das "Haus zum ballspielenden Kater".

          Diese erweiterte Neuausgabe der Ausgabe wird man sich ganz bestimmt auch als eine rasch eingerichtete Defensive denken müssen gegen Rowohlt, der in ebenjenen Jahren, 1923 bis 1926, in sechsundvierzig kleinen und recht charmanten Bändchen jene heute sonderbar legendäre Ausgabe herausbrachte, die dann in den fünfziger Jahren noch einmal aufgelegt wurde. An der Übersetzung (beinahe zwei Dutzend Leute waren darangesetzt worden) waren Berühmtheiten wie Otto Flake, Friedrich Sieburg, Walter Benjamin, Paul Zech und andere beteiligt, gerade die berühmten Leute sieht man oft mit großer Eile übertragen.

          Diese Rowohltsche Ausgabe hat dann, in den siebziger Jahren, Diogenes in Zürich übernommen und in vierzig Taschenbüchern herausgebracht (einige davon gibt es immer wieder in Neuausgaben), und diese Edition war vermutlich ebenfalls, wie vorhin die zweite Insel-Ausgabe, das Produkt eines gefürchteten Konkurrenzdrucks, denn kurz zuvor, 1971, hatte Goldmann in München eins seiner ehrgeizigsten Unternehmen gestartet, nämlich erstmals deutsch einen kompletten Balzac, wenigstens der "Comédie" - das Unternehmen eines einzigen Mannes im wesentlichen, nämlich Ernst Sanders, der sich dabei, bis hinein in die Lederimitation der Einbände, auf die herrliche französische Ausgabe in der "Bibliothèque de la Plèiade" bei Gallimard stützte (die neueste Auflage dieser in ihren Anmerkungen und dem ganzen Apparat so ungemein brauchbaren Edition ist seit 1976 zwölfbändig auf dem Markt). Sanders Ausgabe, ebenfalls zwölfbändig zuerst, mit rund 12000 zudem sehr großen Seiten, kam später noch einmal in fünfundfünfzig Taschenbüchern auf den Markt, dann verschwand sie - jammerschade.

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