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Rezension: Belletristik : Wer hält den Baldachin?

  • Aktualisiert am

Mehr Rhythmus bitte: Shakespeares Sonette, neu übersetzt

          2 Min.

          Es ist schwierig, ein Sonett zu schreiben. Noch schwieriger dürfte es sein, eines aus dem Englischen zu übersetzen - denn das Reimschema und die obligate Silbenzahl vereiteln das Bestreben, alles, was dazu gehört, aus dem Original in die viel silbenreichere deutsche Sprache zu transportieren. Die Schwierigkeit steigert sich weiter bei einem Original, das so voller Rätsel steckt wie Shakespeares Sonette, und damit sind wir bei einer der großen Obsessionen deutschsprachiger Lyriker angelangt. Über vierzig sind es bislang, die sich über die gesamte Strecke der hundertvierundfünfzig Sonette gemüht haben.

          Dabei finden wir neben vielen vergessenen Namen den Dorothea Tiecks (Teil ihres Beitrags zum Gesamtkunstwerk "Shakespeare deutsch") und den Stefan Georges, und schließlich Karl Kraus, der des Englischen nicht richtig mächtig war und es sich trotzdem nicht nehmen ließ, seine Version durch "Kontamination" der Vorgänger zu erstellen.

          Die Sonette sind die einzige "persönliche" Äußerung des "unpersönlichsten" aller Dichter. Doch die Figuren der Geschichte, die uns darin - wenn auch undeutlich wie durch eine Wand hindurch - erzählt werden, konnten von der Forschung nie identifiziert werden, und die faktischen Hinweise, die der Autor auf sich selber gibt, etwa in bezug auf sein Alter, seine Gebrechlichkeit und seinen ruinierten Ruf (ganz zu schweigen von dem Baldachin, den er in Sonett 125 erwähnt), sind mit Shakespeares bekannter Biographie nicht in Einklang zu bringen. Deshalb hat man sich angewöhnt, sie als "literarische Texte mit eigener Zielsetzung" zu sehen - so lautet die Formulierung von Raimund Borgmeier in der vorbildlichen Reclam-Ausgabe.

          Das bedeutet aber nicht viel mehr, als daß man sich aus dem Streit um die Autorschaft an Shakespeares Werken gern heraushalten möchte. Doch kann Übersetzung nicht anders, als den Kontext, in dem ein Werk steht, immer mit zu übersetzen. Die große Unsicherheit, die um die Identität dieses Autors herrscht, schlägt also notwendig auf das Verständnis durch, das man von den Sonetten haben kann.

          Doch scheint gerade das Rätsel Shakespeares die Dichter dazu anzustacheln, es immer noch einmal mit ihnen aufzunehmen. Simone Katrin Pauls Version überschneidet sich notgedrungen mit den Vorgängern, da der insgesamt mögliche Wortschatz doch ziemlich ausgereizt erscheint.

          Um bei Sonett 125 zu bleiben: Den Anfang des Originals "Were't aught to me I bore the canopy, / With my extern the outward honoring" übersetzt Gottlob Regis 1836 mit "Sollt' ich dir Baldachinen überbreiten, / Dein Äußres durch mein Außen zu verehren?". Bei Gustav Wolff, hundert Jahre später, wird daraus, "Was frommt mir's, den Baldachin zu tragen, / Mit meinem Äußern hohlem Prunk zu dienen", und bei Simone Katrin Paul 1998 "Wärs mir das wert, den Baldachin zu halten / um so mit Äußrem äußren Schein zu ehren". Der ästhetische Zugewinn bleibt hier doch eher bescheiden, und die semantische Entsprechung so gut oder schlecht wie bisher.

          Das Grundproblem der Übersetzerin liegt allerdings im Rhythmischen, und es sei durch die nächsten Zeilen des selben Sonetts illustriert: "Grundsteine zu legen für Ewigkeiten / die viel kürzer als der Verfall dann währen? / Sah ich nicht Mieter von Gunst und Schein / beides verliern und mehr durch hohen Zins / die starrend darben, weil, süß muß es sein / ob die nicht arm in ihrem Reichtum sind?" Die rhythmische Kompaktheit des Englischen hat sich hier, mit Verlaub gesagt, in ein deutsches Holpern verwandelt. WALTER KLIER

          William Shakespeare: "Sämtliche Sonette". Zweisprachige Ausgabe. Aus dem Englischen übertragen von Simone Katrin Paul. Mit einem Nachwort von Ernst Piper. Pendo Verlag, Zürich 1998. 319 S., geb., 48,- DM.

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