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Rezension: Belletristik : Wer glaubt einem, wenn man fünfzehn ist

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Die vielen ersten Male des Freddy H.: "Sonnennebel" von Hermann Schulz

          2 Min.

          Wer will das lesen? Dreihundert Seiten aus dem Leben eines jungen Taubenzüchters, der in einem Kaff am Niederrhein aufwächst, mit einem Glossar hintendran, das die wichtigsten Begriffe der Taubenzüchterfachsprache erklärt. Dann spielt das Ganze noch in den frühen fünfziger Jahren, einer Zeit, in der Jungs Nachthemden trugen und Drachen steigen ließen und letzteres wenigstens "astrein" fanden. Der Roman "Sonnennebel" entlehnt seinen Titel dem Taubenzüchterwort für eine Wetterlage, in der Brieftauben leicht die Orientierung verlieren, und meint es ein bißchen allegorisch. Er begleitet die fünfzehnjährige Kriegswaise Freddy Halstenbach durch einige Wochen voller schwer zu deutender Erlebnisse: die ersten Konflikte mit der Tante und der Polizei, den ersten Sex, die erste Liebe, den ersten schweren Abschied und natürlich Freud und Leid der Taubenzüchterei.

          Wer soll das lesen? Freddy Halstenbach ist auf seine Art ein netter Kerl, aber ganz sicher kein geeignetes Rollenvorbild. Er lügt, raucht, stiehlt. Er hat eine geringe Meinung von der weltlichen und geistlichen Autorität. Er beobachtet die trinkenden oder prügelnden Kriegsheimkehrer bei ihren vergeblichen Versuchen, wieder ein Familienleben zu führen, und findet es gar nicht so übel, ohne Eltern zu leben. Gegen Ende versucht er sogar, einen gleichaltrigen Rabauken totzuschlagen, ohne es später auch nur einen Moment lang zu bereuen.

          Es ist sicher kein Zufall, daß dieses Buch von einem Verleger stammt, der sich über die Ansichten der Vertriebsleiter bisweilen hinwegsetzen kann. Hermann Schulz, der seit 1967, als er Johannes Rau ablöste, dem Wuppertaler Peter Hammer Verlag vorsteht, schreibt genüßlich an den Konventionen für das gute Jugendbuch vorbei. Er ist so alt, wie sein Held es heute wäre, und hat ihm ein bewegtes Leben voraus. Doch das äußert sich nicht so sehr in den wenigen Einsichten, die er mit dem Leser teilt, als in den vielen, die er ihm erspart. Wenn der jugendliche Held einmal brutal wird, dann vielleicht, weil es Situationen gibt, wo man so fest zuschlagen muß, wie man kann, und weil man froh sein sollte, wenn sie kommen, solange der Schlag so fest noch nicht ist.

          Hermann Schulz weiß, wovon er schreibt. Er kennt den Niederrhein, den er bis in die Feinheiten der Mundart hinein lebensecht porträtiert. Vor allem aber erinnert er sich noch gut an die Nöte des Jungseins, die von Ort zu Ort und Zeit zu Zeit einander so wundersam ähneln. Wo andere Schriftsteller mit aufgesetzter Solidarität über die "Pauker" herziehen, genügt Schulz ein lapidarer Nebensatz: "nach der Schule, wenn das Leben begann". Daß er sich auch auf das Vorher versteht, beweist seine treffliche Beschreibung des kirchlichen Jugendgruppenleiters, eines der Menschen, die sich gern das unverschämte Kompliment machen, man könne mit ihnen über alles reden. "Es gab auch solche Lehrer, aber meistens waren sie hinterhältig und zeigten ihr wahres Gesicht erst, wenn es darauf ankam." Das sind die Dinge, die einem keiner glaubt, wenn man fünfzehn ist und im Ruf steht zu lügen.

          Trotzdem versteht der Leser, daß es etwas Besonderes und durchaus Abenteuerliches gewesen sein muß, in den Aufbaujahren groß geworden zu sein. Mochte man sich auch nach Schmalzbroten und Kunsthonig "die Finger geleckt" haben, wie das damals wohl hieß, so war es doch auch eine Zeit, die an Vorbildern ärmer war als jede andere und es niemandem abnahm, seinen eigenen Weg durch das Leben zu suchen. Man wird vielleicht ein paar Poster von der Wand nehmen müssen, um sich in diese Stimmung zu versetzen. Aber das Buch ist die Mühe wert.

          MICHAEL ALLMAIER.

          Hermann Schulz: "Sonnennebel". Carlsen Verlag, Hamburg 2000. 288 S., geb., 26,90 DM. Ab 14 J.

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