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Rezension: Belletristik : Wem die große Standuhr schlägt

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Außen Schmöker, innen verwickelt: Ein weiterer Thomas Hardy

          4 Min.

          England, in den vierziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts. Eine einsame, mitunter düster bedrohliche, vorzeitlich scheinende Heidelandschaft, in die der Mensch gerade erst vorgedrungen zu sein scheint. Kaum Dörfer, die Häuser stehen vereinzelt; jeder kennt jeden, wenn auch nicht gut. Einige geraten in den Blick: Eustacia Vye, jung, exotisch schön, leidenschaftlich veranlagt, sie lebt bei ihrem Großvater, und sie träumt von nichts anderem, als weg aus der Einsamkeit und in die Städte zu kommen, unter Menschen. Der Traum scheint freilich unerfüllbar. Einer, der Miene gemacht hat, alles zu ändern, ist Damon Wildeve, eine nicht unsympathische Versagernatur, doch er gibt Eustacia zögernd auf, um die etwas naive Thomasin Yeobright zu heiraten. Deren Bruder Clym nun scheint der einzige zu sein, der es geschafft hat, sich der Enge zu entziehen. Er kehrt als Diamantenhändler aus Paris zurück, wie es heißt, nur für einen Besuch bei seiner Mutter.

          Man ist versucht zu sagen: "Sie ahnen, was geschieht?" Und wirklich, mit der Präzision einer überdimensionalen Standuhr vollzieht sich, mathematisch strukturiert, im Verlauf eines Jahres das Schicksal aller Beteiligten. Eustacia setzt alle ihre Hoffnung auf Clym und weiß ihn geschickt an sich zu binden; doch als der seine von Eustacia zunächst nicht ernstgenommene Absicht, in der Heide zu bleiben und dort eine Schule zu errichten, tatsächlich verfolgt und darüber fast erblindet, wendet sie sich enttäuscht von ihm ab, was wiederum Wildeve aus seiner Ehe mit Thomasin zieht und Mrs. Yeobright allen Grund gibt, ihrer Schwiegertochter Eustacia als der Frau, die ihre beiden Kinder unglücklich gemacht hat, mit schlimmster Verachtung zu begegnen. Eine geheimnisvolle Lenkergestalt, der fahrende Händler Diggory Venn, sucht zwar stets das Schlimmste zu verhindern; doch eine Kette böser Zufälle steigert alles zum schrecklichen Finale: Mrs. Yeobright stirbt in dem falschen Glauben, ihr Sohn habe sich von ihr abgewandt, und in einer stürmischen Nacht ertrinken Eustacia und Wildeve im Fluß. Finis? Nein, mit Rücksicht auf den Publikumsgeschmack der viktorianischen Epoche folgt auf die nach antik dramatischem Vorbild strukturierten fünf Bücher noch ein sechstes, in dem die verbliebenen Protagonisten nach Maßgabe ihrer Möglichkeiten arrangiert werden. Thomasin heiratet nach angemessener Trauerzeit Diggory Venn, und Clym zieht als eine Art weltlicher Prediger über die Dörfer.

          "Auf verschlungenen Pfaden": So ist, sich damit von allen Vorgängern abhebend, eine Neuübersetzung von Thomas Hardys 1878 veröffentlichtem Roman "The Return of the Native" betitelt, die jetzt in der Reihe dtv-Klassik erschienen ist. Der Roman gehört zu den früheren Werken Hardys, in denen er Menschen und Natur seiner ländlichen Heimat Wessex gewissermaßen transponiert zu Personal und Ambiente einer literarischen Versuchsanordnung: Unter dem Einfluß der zeitgenössischen Gegenentwürfe zum abendländisch-christlichen Weltbild, insbesondere unter dem von Darwins Theorien, läßt Hardy seine Protagonisten einen Schicksalsweg gehen, der ihnen von Anfang an erkennbar vorgeschrieben ist und von dem abzuweichen sie trotz vieler Einsichten und Anstrengungen nicht vermögen. Vorbestimmung und Veranlagung siegen, wie im antiken Drama, über ihren freien Willen und ihr Urteilsvermögen. Als ganz am Schluß Eustacia sich der katastrophalen Dreiecksbeziehung, in die sie geraten ist, durch eine Art Emigration ganz zu entziehen versucht und dabei vom Weg abkommt, ist sie im Grunde weiter geradeaus gegangen; und auf der Ebene seiner Handlung wie im Bewußtsein der Figuren kann der Roman es daher offenlassen, ob ihr Tod ein Selbstmord oder ein Unfall war.

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