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Rezension: Belletristik : Wedle ihn hinfort, Geist

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Der Wedel ist nicht derselbe. Das ist schade, denn damit beweist Chen Jianghong, daß er doch nicht perfekt recherchiert hat. Denn die sogenannte Peking-Oper, die in westlichen Ohren meist nur als seltsam gedehnter, unmelodischer Gesang in hohen Tonlagen zu eigenartig gezupften Instrumenten wahrgenommen ...

          Der Wedel ist nicht derselbe. Das ist schade, denn damit beweist Chen Jianghong, daß er doch nicht perfekt recherchiert hat. Denn die sogenannte Peking-Oper, die in westlichen Ohren meist nur als seltsam gedehnter, unmelodischer Gesang in hohen Tonlagen zu eigenartig gezupften Instrumenten wahrgenommen wird, ist eine der wahrhaft großen Theaterleistungen - und das nicht zuletzt durch die Schlichtheit ihrer Mittel. Bühnenbilder beschränken sich auf ein Minimum, wichtiger als die Kostüme sind die kunstvoll bemalten Gesichter der Akteure, und die Requisite ist bewußt klein gehalten. Deshalb ist es nicht sehr wahrscheinlich, daß ein Abgesandter des reichen Herrn Zhang in einer der ersten Szenen einen anderen Wedel bei sich trägt als der Geist von Zhong Kui, der zum Höhepunkt des Stücks die Bühne betritt. Doch die beiden Requisiten sind auf den jeweiligen Bildern leicht unterschiedlich gezeichnet, und da man Chen Jianghong gewiß nicht Achtlosigkeit vorwerfen kann, muß das wohl auch gewollt sein.

          Ansonsten leistet sein Bilderbuch "Zhong Kui", das den Stoff eines beliebten alten Theaterstücks aus China erzählt, Erstaunliches: Es läßt verstehen, worin der Reiz der Peking-Oper liegt, und das liegt nicht zuletzt daran, daß notgedrungen der Gesang im Buch keine Rolle spielt. Dadurch gerät das wahre Faszinosum in den Blick: die ritualisierten Gesten, das stoische Mienenspiel, der Aufwand an Schminke, die wenigen Stellschirme, die als Kulissen fungieren, und nicht zuletzt die grandiose Eleganz der kargen Ausstattung. Da wird aus ein paar Schnüren ein langer Bart, mit Qualm aus Dufttöpfen werden Wolken simuliert, und selbst die auf den ersten Blick opulenten Gewänder erweisen sich beim näheren Hinsehen als ganz einfache Kostümierungen, die einem nur durch ihre Farbenpracht und die Exotik der Muster so reich vorkommen.

          Das alles hat Chen Jianghong akribisch gezeichnet - eher in der Art japanischer Holzschnitte als nach chinesischen Tuschebildern - und in eine etwas banale Rahmenhandlung gepackt, die dem Leser im Knaben Binbin eine Identifikationsfigur an die Hand geben soll. Das ist natürlich Unsinn, denn zur Identifikation gibt das Stück, das sich Binbin dann auf der Bühne ansieht, selbst genug Anlaß. Die immergrüne Geschichte um Neid und Ehrlichkeit, wahre Liebe und Belohnung für das Gute erfüllt alle Erwartungen, die man an Sagen und Märchen haben kann, und aus Chens Feder sind dazu so zauberhafte Motive auf das Reispapier geflossen, daß man sich doch wieder an die fernöstlichen Meisterwerke der Zeichenkunst erinnert, denn die Strenge der Kompositionen wird der Körpersprache der Peking-Oper vollauf gerecht. Nur dieser Wedel - aber wer braucht denn schon ein rundum perfektes Bilderbuch?

          ANDREAS PLATTHAUS.

          Chen Jianghong: "Zhong Kui". Ein Besuch in der Peking-Oper. Aus dem Französischen übersetzt von Erika und Karl A. Klewer. Moritz Verlag, Frankfurt am Main 2001. 36 S., geb., 17,50 . Ab 5 J.

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